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20. Dezember 2019

Bericht zum Podiumsgespräch "Freiheit als Herausforderung: 30 Jahre Friedliche Revolution"

Dr. Peter Wurschi im Gespräch mit Brigitta Kögler, Prof. Dr. Detlef Pollack und Dr. Wolfgang Thierse (v. l. n. r.)

Am 18. Dezember 2019 lud das ThürAZ drei Gäste nach Jena ein, um über das Thema „Freiheit als Herausforderung: 30 Jahre Friedliche Revolution“ ins Gespräch zu kommen. Brigitta Kögler (Demokratischer Aufbruch, später CDU), Dr. Wolfgang Thierse (Neues Forum, später SPD) und Prof. Dr. Detlef Pollack (Religionssoziologe, ehemaliger Direktor des Instituts für Transformationsforschung in Frankfurt/Oder) diskutierten mit dem Landesbeauftragten des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Dr. Peter Wurschi, über die Werdegänge ehemaliger Bürgerbewegter, die Selbstwahrnehmung der Ostdeutschen und aktuelle Herausforderungen der Demokratie.

Zunächst ging es in dem Podiumsgespräch um die Rolle der Runden Tische im Transformationsprozess 1989/90: Wolfgang Thierse bezeichnete sie als Institutionen, die „Lehrstunden der Demokratie“ boten. Sie seien „grandiose Instrumente“ gewesen, um von den Demonstrationen auf der Straße und dem dort artikulierten „dagegen sein“ zur Frage überzuleiten, wie die zukünftige Gesellschaft gestaltet werden könne. Brigitta Kögler nahm als Delegierte des Demokratischen Aufbruch die Teilnahme an den Sitzungen des Zentralen Runden Tisches als eine Möglichkeit wahr, die freie Rede zu üben und das eigene Selbstbewusstsein zu stärken. Sie stellte jedoch auch die Ambivalenz der Sitzungen heraus: Selbst innerhalb den neuen Bürgerbewegungen und Parteien seien sich die Akteure nicht einig gewesen über das anzustrebende Gesellschaftsmodell. Verstärkt worden seien diese Kontroversen durch Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit.

Das Ministerium für Staatssicherheit, am 17.12.1989 umbenannt in Amt für Nationale Sicherheit, habe auch Anfang 1990 noch das Machtmonopol besessen, betonte Wolfgang Thierse. Für ihn war dies der Anlass, nach seiner Unterstützung des Neuen Forum im Januar 1990 der neu gegründeten SDP (ab dem 14.1.1990 SPD) beizutreten, die als Partei die Machtfrage stellen wollte.
Der Wahlsieg der Ost-CDU im Wahlbündnis Allianz für Deutschland bei den Volkskammerwahlen am 18. März 1990 sei für ihn keine Überraschung gewesen und habe ihn daher persönlich wenig enttäuscht, so Wolfgang Thierse. Viele (ehemalige) BürgerInnen der DDR würden jedoch seit 1990 bis heute „immer wieder von Wellen der Enttäuschung durchgeschüttelt“. Je stärker die BürgerInnen der DDR an die patriarchalen Versprechen Helmut Kohls hätten glauben wollen, desto massiver seien sie später enttäuscht worden. Detlef Pollack weigerte sich im Gegensatz zu Wolfgang Thierse, heutige Verhaltensmuster im Bezug auf AfD-Sympathisanten und -Wähler auf die Enttäuschung ehemaliger DDR-BürgerInnen zurückzuführen.

Nach den Wegen ehemaliger Bürgerbewegter im Anschluss an die Friedliche Revolution gefragt, betonte Wolfgang Thierse, zunächst hätten die großen Ideale, die „großen Scheine“, in das „Kleingeld“ der alltäglichen, mühsamen politischen Praxis umgetauscht werden müssen.

Ähnlich wie Wolfgang Thierse setzte sich auch Brigitta Kögler nach 1990 außerparlamentarisch für Benachteiligte ein: Bis heute ist sie Mitglied einer unabhängigen Regierungskommission für die Verfolgten des NS-Regimes. Ein Bundestagsmandat, das ihr 1990 angeboten wurde, nahm sie nicht an, sondern entschied sich stattdessen, weiterhin als Rechtsanwältin zu arbeiten.
Im Hinblick auf die Möglichkeiten, aus der Friedlichen Revolution und der Transformationszeit Lehren für die heutige Zeit zu ziehen, wunderte es Detlef Pollack, dass die Ostdeutschen nicht mehr Selbstbewusstsein schöpften aus den Massendemonstrationen im Herbst und Winter 1989/90 sowie aus der Bereitschaft, sich auf den Wiedervereinigungsprozess einzulassen. Wolfgang Thierse hingegen vertrat die Position, dass 1990 niemand Stimmen Glauben geschenkt hätten, die die Langwierigkeit und die Schwierigkeit des Wiedervereinigungsprozesses prognostizierten. Lernen könnten wir aus Friedlicher Revolution auch, so Detlef Pollack, dass sowohl die nüchternen Alltagserfahrungen des Politikbetriebs als auch die dahinterstehenden Ideale und ein hoher Pathos Demokratie ausmachten.

Abschließend thematisierte Peter Wurschi die Herausforderung, dass heute ein Teil der in der Friedlichen Revolution Engagierten der Demokratie in Deutschland verächtlich gegenüberstehe. Die Diskrepanz zwischen in soziologischen Studien gemessener zunehmender Zufriedenheit mit der Demokratie als Staatsform auch im Osten Deutschlands und einem gleichzeitig starken Opfernarrativ in Teilen der ostdeutschen Bevölkerung versuchten die Podiumsteilnehmer anschließend zu begründen. Wie Detlef Pollack herausstellte, sei der Topos des „Bürgers zweiter Klasse“, den Ostdeutsche seit Jahren vor sich her trügen, differenziert zu betrachten: Während die Fragestellung, ob Ostdeutsche Bürger zweiter Klasse seien, von einem hohen Anteil der Befragten bejaht wurde, stimmten nur wenige der Frage zu, ob sie sich persönlich als Bürger zweiter Klasse fühlten. Hervorgehoben werde also die kollektive Identität und die gemeinsame Leidenserfahrung bei gleichzeitig empfundenem persönlichem Wohlbefinden.
Ähnliches beobachtete Wolfgang Thierse, der darauf hinwies, dass bei angegebenem Wohlbefinden bei Stimmungsumfragen gleichzeitig auch auf die Befürchtung hingewiesen werde, die Situation könne sich ändern. Vier Ursachen tragen aus der Sicht Thierses zu diesem diffusen Unsicherheitsgefühl bei: Erstens habe sich im Osten fast alles geändert mit der Wiedervereinigung, im Westen fast nichts. Zweitens habe der Großteil der ostdeutschen Bevölkerung ein Wirtschaftswunder von der Wiedervereinigung erwartet, das dann nicht eingetreten sei. Drittens verglichen viele Ostdeutsche die gesellschaftliche Situation in den neuen Bundesländern – wie schon vor 1989 die DDR – mit Westdeutschland, anstatt den Vergleich mit anderen ehemaligen Ostblockstaaten zu suchen. Daraus resultiere ein Minderwertigkeitsgefühl. Viertens sei die Entstehung zivilgesellschaftlicher Strukturen in der DDR nicht möglich gewesen; stattdessen habe eine „organisierte Verantwortungslosigkeit“ (Rudolf Bahro) geherrscht. Ähnlich wie Detlef Pollack rät Thierse der ostdeutschen Bevölkerung eine positivere Selbstwahrnehmung an.

Weder Enttäuschungen im Bezug auf die Vergangenheit, noch Unsicherheiten im Bezug auf die persönliche Zukunft begegnen Brigitta Kögler in ihrem beruflichen Kontext – stattdessen trifft sie auf Menschen, die frustriert sind. Die Angst, dass die Politik die Bürokratie nicht mehr beherrsche und es zu viele gesetzliche Regelungen gebe, lasse ein Gefühl der Hilflosigkeit entstehen. Darüber hinaus vermitteln die Medien nach Ansicht Köglers ein negativeres Bild im Vergleich zu dem, was die Menschen wirklich dächten.
Als aktuelle Herausforderung für die Freiheit und Wunsch für die Zukunft der Demokratie benannte Detlef Pollack, dass die Demokratie derzeit von unterschiedlichen Seiten angegriffen werde und Demokraten häufig in einer Verteidigungssituation gerieten. Er plädiert für ein freieres, offeneres und vertrauensvolleres Verhältnis zur Demokratie.

Musikalisch begleitet wurde das Podiumsgespräch durch Oliver Jahn und Robert Krainhöfner. Unter anderem mit dem Titel „Fluche, Seele, fluche“ (1981) von Pannach & Kunert beschäftigten auch sie sich nachdenklich mit den Herausforderungen, die gewonnene Freiheit mit sich bringen kann: „Ob im Süden oder Norden/ Nirgends bist du froh geworden/ Suche, Seele, suche/ […]/ Ob im Osten oder Westen/ Wo man ist, ist’s nie am besten/ Suche, Seele suche“.

Mit der gut besuchten Veranstaltung, die von der Thüringer Staatskanzlei gefördert wurde, fand das Programm „89//19: Wegbruch – Umbruch – Aufbruch. Jena und die Revolution(en) von 1989“ einen angemessenen Abschluss. Wir bedanken uns bei allen Kooperationspartnern und Fördermittelgebern und freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit.