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5. Dezember 2019

Bericht zum Zeitzeugenpodium "Die Stasi verbrennt Akten!" - Das Ende der Staatssicherheit in Jena

Jörn Mothes, Markus Heckert und Hartmut Fichtmüller im Gespräch mit Daniel Börner (v. l. n. r.), Foto: Christian Hermann

Am 30. Jahrestag der Besetzung der Jenaer Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit rekonstruierten die Zeitzeugen Hartmut Fichtmüller, Markus Heckert und Jörn Mothes unter Moderation von Daniel Börner die Geschehnisse des 4. Dezember 1989 in Jena.  Als Ort wurde mit dem Veranstaltungsraum der Stadtverwaltung am Lutherplatz 3 die räumliche Nähe zum historischen Ort, zur Gerbergasse 18, Sitz der MfS-Kreisdienststelle in Jena, gesucht. Mit der Veranstaltung fand die gemeinsam vom ThürAZ und der Geschichtswerkstatt Jena organisierte Veranstaltungsreihe „ ‚Den aufrechten Gang erlernen‘ – Zivilgesellschaftliche Aufbrüche in Jena 1989/90“ ihren Abschluss.

Um mutige Aufbrüche der Zivilbevölkerung ging es auch in dieser Podiumsdiskussion. Wie die ehemaligen Theologiestudenten Fichtmüller, Heckert und Mothes berichteten, musste die Angst vor Repressionen durch den Sicherheitapparat der SED erst besiegt werden. Dass das Gefühl der Bedrohung und Einschüchterung im Herbst `89 überwunden werden konnte, berichtete Hartmut Fichtmüller: Bei seiner Zuführung aufgrund einer Flugblatt-Verteilaktion am 16. Oktober 1989 habe er sich schon viel selbstbewusster verhalten als in einer ähnlichen Situation drei Jahre zuvor; er selbst habe das Gespräch beendet und damit gedroht, die Festnahme im Rahmen eines Fürbittgottesdienstes an die Öffentlichkeit zu bringen.

Dass die am 4. Dezember 1989 vor dem Gebäudekomplex der Stasi versammelten BürgerInnen ihnen Mut und „das Mandat, zu handeln“ gaben, betonten Markus Heckert und Hartmut Fichtmüller. Sie beide wurden am Abend des 4. Dezember `89 nicht nur auf das abgesicherte Gelände, sondern auch in die Gebäude der Kreisdienststelle eingelassen. Mut war in dieser Situation durchaus erforderlich: Durch ein Spalier von Mitarbeitern der Kreisdienststelle mussten die beiden den Hof und das Treppenhaus durchqueren, um dann vor 20-30 Führungskadern ihr Anliegen vorzubringen, die Aktenvernichtung zu unterbinden und zur Kontrolle eine Bürgerwache in die Räumlichkeiten einzulassen. Entscheidend war laut eigener Aussage neben der Unterstützung durch die vor dem Gebäudekomplex versammelten BürgerInnen, dass den beiden bewusst wurde, dass auch die Angehörigen der Sicherheitsorgane Unsicherheit und Angst empfanden.

Dass die Staatssicherheit ihre Machtposition zu diesem Zeitpunkt dennoch nicht komplett aufgegeben hatte, zeigte sich an einer Anekdote: Wie Hartmut Fichtmüller berichtete, erhielten die Mitglieder der Bürgerwache die Erlaubnis, unter Anwesenheit eines Staatsanwalts zwei Räume zu versiegeln – von denen einer sich am nächsten Tag als Besenkammer herausstellte.

Eine Frage aus dem Publikum zielte auf die geringe Präsenz von Frauen bei der Besetzung der MfS-Kreisdienststelle. Während in den politisch alternativen Gruppen, die durch ihr jahrelanges Engagement der Friedlichen Revolution den Weg bereiteten, Frauen paritätisch beteiligt gewesen seien – so u. a. im Arbeitskreis Solidarische Kirche – waren an diesem Abend tatsächlich kaum Frauen anwesend, wie die Podiumsgäste bestätigten. Zurückzuführen sei dies möglicherweise auf die Mütterrolle, die die Frauen neben ihrer Berufstätigkeit und ihrem zivilgesellschaftlichen Engagement auch in der DDR klassischerweise einnahmen.
Kritisch betrachtete Markus Heckert im Rückblick den damaligen Fokus auf die Auflösung der Strukturen der Staatssicherheit, der verhindert hätte, sich auch intensiver mit der Auflösung anderer Staats- und Parteistrukturen zu beschäftigen.

Im Hinblick auf die Aufarbeitung der SED-Diktatur stellte Jörn Mothes, ehemaliger Landesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Mecklenburg-Vorpommern, einen Mangel an Gesprächen zwischen Tätern und Opfern fest. Während es mittlerweile zahlreiche persönliche Stellungnahmen ehemaliger Mitarbeiter des MfS zu ihrer damaligen Tätigkeit gebe, fehle es an deren Bereitschaft, sich persönlich mit durch Maßnahmen des Staatssicherheitsapparates Betroffenen auseinander zu setzen.

Damit rekapitulierte der Abend nicht nur die Ereignisse vom 4. Dezember, sondern blickte durchaus kritisch auf die nun vergangenen 30 Jahre seit 1989. So wurde Erreichtes benannt, aber auch die noch zu lösenden Herausforderungen und Fragen benannt. Somit bildete die Diskussion einen würdigen Abschluss der diesjährigen Veranstaltungsreihe.