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22. November 2019

Bericht zum Filmgespräch "30 Jahre Friedliche Revolution! - Kein öffentliches Interesse?"

Torsten Cott, Christoph Matschie, Cornelia Bartlau, Harry Zöller und Torsten Eckold (v.l.n.r.) im Gespräch mit dem Publikum im Kino im Schillerhof (Foto: Geschichtswerkstatt Jena)

Am 20. November lud das ThürAZ gemeinsam mit der Geschichtswerkstatt Jena zum Filmgespräch ins Kino im Schillerhof ein. Gezeigt wurde der Dokumentarfilm "Kein öffentliches Interesse? Die Friedliche Revolution - 10 Jahre danach" von Torsten Cott und Torsten Eckold (1999). Angestrebt wurde, im 30. Jahr nach der Friedlichen Revolution noch einmal zurückzuschauen und zu fragen, wie sich mit einem Abstand von 20 Jahren der persönliche Blick auf und das öffentliche Erinnern an die Friedliche Revolution gewandelt haben.

Neben den Filmemachern standen drei der im Film porträtierten ZeitzeugInnen zum Gespräch mit dem Publikum bereit. Zunächst ging es in der Rückschau noch einmal darum, wie die in politisch alternativen Gruppen Engagierten die Umbruchphase 1989/90 erlebten. Cornelia Bartlau war 1989 u. a. aktives Mitglied der 1986-88 entstandenen Interessengemeinschaft (IG) Stadtökologie. Christoph Matschie war Mitglied der neu gegründeten Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) und nahm als deren Vertreter am zentralen Runden Tisch der DDR teil. Harry Zöller engagierte sich u. a. im „Leseladen“, der im Vorderhaus der Jungen Gemeinde Stadtmitte Literatur zu offiziell tabuisierten Themen zur Verfügung stellte.

Auf die anfängliche Euphorie, die das Aufbrechen der alten Strukturen in der DDR und die Hoffnung auf Veränderungen mit sich brachte, sei schnell Ernüchterung gefolgt. Christoph Matschie bezeichnete die Ergebnisse der Volkskammerwahlen vom 18. März 1990 als „Schlag in die Magengrube“ für jene, die sich in den Bürgerbewegungen und neuen Parteien für eine reformierte DDR eingesetzt hatten. Nach der Wahl seien die Einflussmöglichkeiten für diese Gruppen rapide geschwunden.

Mit Blick auf die 1990er Jahre hielten die Gesprächsteilnehmer fest, dass die Wiedervereinigung nach Artikel 23 des Grundgesetzes und damit die Übernahme wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Strukturen der Bundesrepublik für die ehemaligen Bezirke der DDR einen Elitenaustausch mit sich brachte. Know-how und Erfahrungen, auf die die Westdeutschen zurückgreifen konnten, hätten den Ostdeutschen gefehlt, um in der neuen Arbeitswelt Fuß zu fassen und in Führungspositionen zu gelangen. Ein Publikumsgast machte dies am Beispiel der digitalen Welt fest.

Ostdeutsche Vorbilder habe es in den 1990er Jahren kaum gegeben, stellte ein weiterer Publikumsgast fest – worauf Christoph Matschie entgegnete, dass die ehemaligen DDR-Bürger im neuen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem erst einmal „festen Grund unter die Füße“ bekommen mussten, bevor sie konstruktiv agieren konnten.

Zur Entstehung des Dokumentarfilms im Jahr 1999 erklärte Torsten Cott, dass der Film in einer Zeit produziert wurde, in der immer wieder versucht worden sei, zu erklären, „wie der Sozialismus eigentlich war“. Daher wolle die Dokumentation bewusst keine Fakten vermitteln, sondern unterschiedliche Perspektiven von Menschen in den Vordergrund stellen, die aktiv die Friedliche Revolution mitgestalteten. Dass diese Engagierten keine homogene Gruppe darstellten, sondern aus teils völlig unterschiedlichen Milieus kamen, gab Harry Zöller zu bedenken.

Wie es zum provokanten Titel des Films, „Kein öffentliches Interesse“, kam, berichtete Torsten Cott: Harry Zöller habe einen Antrag auf Fördermittel für den Film gestellt und bekam von ministerieller Seite die Antwort, an einem solchen Thema bestehe kein öffentliches Interesse – man müsse nach vorn schauen.

Diese Sichtweise hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren verändert. Gerade im Hinblick auf aktuelle Vereinnahmungs- und Politisierungsversuche der Forderungen von 1989 erweisen sich reflektierende Rückblicke als notwendig. Neben der gesellschaftlichen Aufarbeitung schreibt sich die wissenschaftliche Erforschung der Umbrüche von 1989/90 und deren Auswirkungen bis in die heutige Zeit fort – so u. a. in den 14 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsverbünden zur DDR-Geschichte und den Transformationsprozessen nach 1989 (darunter die Verbünde „Diktaturerfahrung und Transformation: Biographische Verarbeitungen und gesellschaftliche Repräsentationen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren“ und „Das umstrittene Erbe von 1989. Aneignungen zwischen Politisierung, Popularisierung und historisch-politischer Geschichtsvermittlung“).

Neu in der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Friedlichen Revolution ist der Verweis, 1989 nicht nur als Erfolgsgeschichte zu erzählen, sondern auch die Systemtransformation als (negative) Zäsur in ostdeutschen Biografien zu begreifen: eine Intention, die der Film „Kein öffentliches Interesse“ schon 1999 unternahm.