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Aktuelles

 
12. März 2020

Zum Tod von Matthias Vernaldi

Faschingsfeier in Hartroda, o. D., Foto: Monika Schulz-Fieguth, entnommen aus Dies., Vögel wollen fliegen. Bilder einer Wohngemeinschaft, St. Benno-Verlag, Leipzig 1986, S. 31.

„In die Welt gehen ohne Netz und doppelten Boden“[1]

Wir trauern um Matthias Vernaldi, der vor wenigen Tagen im Alter von 60 Jahren verstarb. Der 1959 in Pößneck Geborene litt von Geburt an unter progressiver Muskeldystrophie. Ein maximales Lebensalter von 30 Jahren wurde ihm vorausgesagt – um 30 Jahre überschritt er dieses „Verfallsdatum“, wie er es selbst bezeichnete.[2]

Bereits als junger Mensch in der DDR suchte Matthias Vernaldi nach Möglichkeiten eines selbstbestimmten Lebens: Nachdem er von 1967 bis 1977 in Heimen untergebracht war, wagte er im Alter von 19 Jahren gemeinsam mit anderen Körperbehinderten und zwei Pflegern aus dem diakonischen Marienstift in Arnstadt das Projekt einer Kommune in Hartroda. Die Gemeinschaft wurde zum Auffangort für gesellschaftliche Aussteiger: Andersdenkende, Punks und Friedensbewegte kamen hier zusammen, lebten und feierten mit den BewohnerInnen und bewegten sich im gemeinsamen Leben im Spannungsfeld „zwischen Freiheit und Eigenverantwortung“[3].

Der christliche Glaube spielte für die Gemeinschaft, insbesondere für Matthias Vernaldi eine wichtige Rolle. Sein Ziel, sich zum Pfarrer ordinieren zu lassen, wurde ihm aufgrund seiner Behinderung durch die Leitung der Thüringer Landeskirche verwehrt – lediglich ein Fernstudium zum Hilfsprediger (Prädikanten) konnte er 1980 abschließen. Wegen „libertinistischer Grundhaltung“ und „Befürwortung eines überspitzten Autonomiebestrebens“ verbot Ortspfarrer Klaus Domke 1983 Matthias Vernaldi auch diese Form des Predigens. Seine christliche und intellektuelle Betätigung gab der 24jährige trotzdem nicht auf. 1987 verfasste er das Hörspiel „Dorftanz oder Mein Hund starb wie Christus“, das im Februar 1989 in einer Projektreihe der Jenaer Gruppe Künstler für Andere als szenische Lesung gestaltet wurde.[4]

Ein Dorn im Auge der staatlichen Sicherheitsorgane war vor allen Dingen die selbstbestimmte Lebenweise der Kommunarden. „Innerkirchliche Zersetzungs- und Disziplinierungsmaßnahmen“ wurden gegen die Wohngemeinschaft eingeleitet. Die zynische Bezeichnung, die das Ministerium für Staatssicherheit für den Operativen Vorgang (OV) zu den BewohnerInnen der Kommune wählte, lautete „Parasit“. Im Vordergrund standen bei der Eröffnung des OV im Jahr 1984, anschließend an eine sogenannte Operative Personenkontrolle, die Friedens- und Umweltschutzaktionen der Gruppe. Es handele sich bei den Mitgliedern der Gemeinschaft um „Verbreiter pazifistischen Gedankengutes und aktive Befürworter und Unterstützer einer nichststaatlichen Friedensbewegung“, die auch Umweltschutz- und Baumpflanzaktionen organisierten bzw. sich daran beteiligten. Ein im August 2008 erschienener artikel in der taz von Kai Schlieter beleuchtet weitere Hintergründe des Wohnprojekts.[5]

Auch nach den politischen Umbrüchen 1989/90 setzte sich Matthias Vernaldi für die Selbst- und Mitbestimmung von Menschen mit Behinderung ein. 1995 bezog er eine eigene Wohnung in Berlin, in der ihn zwei Assistenten im Alltag unterstützten. Als Redakteur arbeitete er bei „mondkalb – Zeitschrift für das organisierte Gebrechen“ mit und gründete 2000 die Initiative „Sexibilities – Sexualität und Behinderung“. Als Mitglied des Bündnisses für selbstbestimmtes Leben Behinderter organisierte er Demonstrationen und Kundgebungen mit und gehörte dem Berliner Landesbeirat für Menschen mit Behinderung an.[6]

Wir trauern gemeinsam mit seinen Verwandten und Freunden um den Verlust Matthias Vernaldis, der trotz der eigenen mobilen Einschränkung viel zu bewegen vermochte. Sein Entwurf eigenverantwortlichen Lebens in der Wohngemeinschaft Hartroda ist in unserem Archivbestand dokumentiert. Die Materialien stehen weiterhin als Impulsgeber für die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur für Forschungs- und Bildungszwecke zur Verfügung. Auf diese Weise bleibt Matthias Vernaldi weiterhin mit uns verbunden.

[1] Dokumentation „Schräg, fromm & frei: Die Kommunarden von Hartroda", Marion Schlüter-Mittiri/ Tom Franke, 2009, https://www.youtube.com/watch?v=rQLIAc7bics&fbclid=IwAR0SmZ56jirzKpTAT9dI1rpKwYJ9KBCL9IZmRd2wYjnqkIe34K7OOJ60218 [12.03.2020]

[2] Film „Hartroda – Eine Legende?“, Hinterhofproduction, Jena 1987, ThürAZ, Bestand Thomas Grund, Sign.: P-GT-K-12.

[3] Schulz-Fieguth, Maria: Vögel wollen fliegen. Bilder einer Wohngemeinschaft, St. Benno-Verlag GmbH, Leipzig 1986, S. 94.

[4] Veranstaltungsplakat im ThürAZ, Bestand Petra Grund, Sign.: P-GP-GM-01.01.