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26. Oktober 2019

Bericht zum 9. Tag der Stadtgeschichte "Jena '89 - Eine Stadt im Ausnahmezustand"

Mit Spielszenen aus dem Stück "wie viel mensch…?" ergänzte Schauspieler Martin Bertram (l.) das Podium "Wir bleiben hier!" zu den neuen Bürgerbewegungen und Parteien. Das Gespräch mit Prof. Dr. Reinhard Guthke, Dr. Friederike Spengler und Stephan Schack moderierte der ehemalige Superintendent Michael Dorsch (3. v. l.). Foto: ThürAZ

Das erste Podium am 9. Tag der Stadtgeschichte nahm das Machtkartell der SED und die Krisendynamik im Sommer und Herbst 1989 in den Blick. Gäste waren die Neurologin Irene Misselwitz, die ab Mitte der 1980er Jahre Mitglied der Organisation Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs war und die als Bürgervertreterin am 30. Oktober 1989 am Rathausgespräch mit führenden Vertretern der lokalen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik teilnahm, Maja Petersdorff, die sich als Biologin in der AG Sozioökologie der Interessengemeinschaft Stadtökologie engagierte und Herbert Bartsch, der 1989  als Kriminalpolizist im Volkspolizeikreisamt Jena angestellt war. Moderiert wurde die Runde von Dr. Rüdiger Stutz.

Unter anderem ging es in dem Gespräch um die Vorbereitung der Niederschlagung von Demonstrationen durch die Staats- und Parteiführung sowie die Sicherheitskräfte der DDR im Herbst 1989. Wie Herbert Bartsch aus eigener Erfahrung berichtete, wurde im Zuge der Übungen zur Niederschlagung von Demonstrationen auf dem Jägerberg zwar der Einsatz von Schlagstöcken trainiert, nicht aber der Einsatz von Schusswaffen. Von der Schusswaffe durfte nur Gebrauch gemacht werden bei Bedrohung des eigenen Lebens.
Die Planungen einer gewaltsamen Niederschlagung der Proteste waren dennoch wahrnehmbar: So hörte Maja Petersdorff, dass in Leipzig die Ärzte angewiesen worden waren, sich mit der Behandlung von Schusswunden vertraut zu machen. Maßnahmen zur „offensiven Unterbindung und Auflösung“ von „Zusammenrottungen feindlicher Kräfte“ hatte der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, in einem Schreiben an die Dienststellen und Angehörigen des Ministeriums für Staatssicherheit nach den Demonstrationen gegen die Feierlichkeiten des 40. Jahrestages der DDR am 7. Oktober 1989 tatsächlich angewiesen. Auch in Gera mobilisierten daraufhin die Bezirks- und Kreiseinsatzleitungen zusätzliche Formationen, Einheiten und Hundertschaften der Betriebskampfgruppen, die neben Polizei und Armee zur Eindämmung der Proteste eingesetzt werden sollten.
Der Gebrauch der Schusswaffe war den Sicherheitskräften jedoch nicht erlaubt, worauf der Leiter der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit in Gera, Dieter Dangrieß, in einem chiffrierten Fernschreiben an die Kreis- und Objektdienststellen vom 20. Oktober 1989 noch einmal hinwies. Die Anwendung der Schusswaffe sei „grundsätzlich untersagt“. Dieses Verbot wiederholte Egon Krenz als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates am 3. November noch einmal im Zusammenhang mit möglichen Demonstrationen in einem Befehl über Maßnahmen zur Gewährleistung der Ordnung und Sicherheit in den Bezirken der DDR (NVR-Befehl 11/89).
Einen Monat zuvor jedoch waren zur Sicherung der Feierlichkeiten zum 40. „Republikgeburtstag“ noch massive Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden. Maja Petersdorff, die am 7. Oktober 1989 an einem Treffen der Grünen Liga für Vertreter von Stadtökologiegruppen in Potsdam teilgenommen hatte, kamen auf der Rückfahrt nach Jena auf der Autobahn unzählige Polizei- und Armeefahrzeuge entgegen, die an diesem Tag in Berlin zusammengezogen wurden. Für sie war dies einer der wenigen Momente, in denen sie Angst verspürte.

In Jena nahmen, ähnlich wie in Leipzig, Dresden und anderen Städten, Kirchenvertreter eine wichtige Mittlerrolle ein zwischen reformorientierten Bürgern und lokalen Politikern. Udo Siebert hatte als Superintendent der Evangelischen Kirche in Jena die Kommunikation mit dem Oberbürgermeister Hans Span (SED) gesucht und ihm das Zugeständnis abgerungen, dass die Kampfgruppen nicht auf öffentlichen Plätzen, sondern in Hinterhöfen Aufstellung nehmen sollten. Siebert versprach im Gegenzug, für Gewaltlosigkeit zu sorgen. Dies sei in der aufgeladenen Stimmung während der Demonstrationen auch unter den Demonstranten nötig gewesen, berichtete Irene Misselwitz. Am 30. Oktober `89, als sie mit einer kleinen Gruppe weiterer, von Udo Siebert angesprochener Vertreter der Demonstrierenden zum Gespräch mit leitenden Personen aus der städtischen Verwaltung, der Uni und der Wirtschaftsbetriebe eingeladen wurde, spürte sie beim Gang durch die auf dem Marktplatz versammelte Menschenmenge Feindseligkeit und Misstrauen der handverlesenen Gruppe gegenüber. Sie seien sogar als „Verräter“ beschimpft worden. Im Rathaus angekommen, bat sie deshalb darum, das Gespräch per Lautsprecher auf den Markt zu übertragen, um für Transparenz zu sorgen. Erst die dann auch umgesetzte Übertragung ermöglichte es den bis zu 20.000 Menschen auf dem Marktplatz, das Gespräch zu verfolgen und die vorgetragenen Forderungen der eingeladenen Bürgervertreter durch Klatschen und Rufen zu unterstreichen. Diese Unterstützung bestärkte Irene Misselwitz und die anderen eingeladenen Bürger in ihrem Anliegen, den öffentlichen Dialog zwischen der Bevölkerung und den Parteileitungen der Stadt, der Universität und der Großbetriebe in Form eines Bürgerforums einzufordern. Von dem Rathausgespräch formierte sich dann die erste Jenaer Demonstration, die nicht von einer Fürbittandacht ausging. Der Ruf „Keine Gewalt!“ sei bei der aufgeheizten Stimmung immer wieder notwendig gewesen; Randalierer seien durch Menschenketten isoliert worden.
Zu „Zuführungen“ von Demonstrierenden durch die Sicherheitsorgane der DDR kam es im Herbst 1989 immer wieder. Eine Zuführung war als polizeirechtliche Maßnahme auch ohne richterlichen Haftbefehl Haftbefehl möglich und konnte zur Feststellung der Personalien sowie zur Klärung eines Sachverhalts durchgeführt werden, durfte allerdings eine Dauer von 24 Stunden nicht überschreiten. An zentralen Punkten wurden die „Zugeführten“ festgehalten und teils physisch und psychisch unter Druck gesetzt.

Das Podiumsgespräch zeichnete ausschnitthaft ein lebhaftes Bild des Ausnahmezustands, in dem sich die Stadt Jena 1989 befand. Im anschließenden Publikumsgespräch wurde u. a. die auf die Friedliche Revolution folgende Institutionalisierung des Dialogs zwischen VertreterInnen der politisch alternativen Gruppen und der städtischen Politik eingegangen: so z. B. auf Gespräche zwischen dem ab Mai 1990 amtierenden Oberbürgermeister Dr. Peter Röhlinger (FDP) und der IG Stadtökologie, die die Einrichtung eines Umweltamtes in Jena betrafen.

Das zweite Podiumsgespräch fokussierte die Bürgerbewegungen und Parteien, die sich ab dem Sommer/Herbst 1989 formierten und zunächst eine Reformierung und Demokratisierung des Sozialismus in der DDR anstrebten. Eingeladen waren Vertreter von Orts- bzw. Regionalgruppen dreier unterschiedlicher Bewegungen: Der Systembiologe Reinhard Guthke schloss sich 1989 der Ortsgruppe des Demokratischen Aufbruch an, die Theologin Friederike Spengler engagierte sich 1989/90 als Regionalsprecherin der Bewegung Demokratie Jetzt und der gelernte Kellner Stephan Schack gründete Ende September 1989 die Regionalgruppe des Neuen Forum für den Bezirk Gera mit.

Der Wunsch nach Partizipation und der Übernahme politischer Verantwortung waren für alle drei wichtige Motive, sich der jeweiligen Gruppe anzuschließen. Stephan Schack war als vormaligem CDU-Mitglied die Kandidatur zu den Kommunalwahlen im Mai 1989 aufgrund seines Einsatzes für die Wehrdienstverweigerung verwehrt worden – diese Verhinderung von politischem Engagement eines Andersdenkenden nannte er ebenfalls als Grund, sich dem Neuen Forum anzuschließen. Auch die Ausreisewelle, die sich an der Personalsituation an seinem Arbeitsplatz, dem Weimarer Hotel Russischer Hof, deutlich bemerkbar machte,  bildete für ihn ein Motiv, sich für Veränderungen in der DDR einzusetzen. Das Neue Forum sprach ihn wegen seines offenen, unverbindlichen Charakters an, der den „kleinsten gemeinsamen Nenner“ aller damaligen Problemanalysen bildete und einen gesamtgesellschaftlichen Austausch ermöglichen wollte.
Andere Gruppierungen wie der Demokratische Aufbruch gaben sich festere institutionelle Strukturen und eine konkretere Programmatik, die jedoch auf die schnelle Abfolge der Ereignisse nicht mit Konstanz reagierte, sondern sich dem rapiden Wandel anpasste. Die Kritik am Abweichen von ursprünglichen Zielen und Inhalten und die Annäherung der Partei an die Positionen der West-CDU führten bei Reinhard Guthke dazu, dass er seine Mitgliedschaft im Demokratischen Aufbruch bereits im Januar 1990 wieder beendete.
Friederike Spengler blieb Demokratie Jetzt noch bis zum Zusammenschluss mit der Grünen Partei in der DDR treu; danach verlor das Bündnis aus ihrer Sicht an Bürgernähe.

Im zweiten Teil des Podiums richtete Moderator Michael Dorsch den Blick auf die Gegenwart und auf Aspekte der Friedlichen Revolution, die heute noch lebendig gehalten werden sollten. Dazu zählt für Friederike Spengler das Erleben der Erlernbarkeit von Demokratie. Stephan Schack riet daran anknüpfend im Hinblick auf die historisch-politische Bildung, die Möglichkeiten der Gestaltung von Demokratie durch einzelne BürgerInnen im schulischen und außerschulischen Bildungsbereich stärker zu vermitteln. Als eine gesellschaftliche Aufgabe für die Zukunft sieht Schack die Notwendigkeit, in einen demokratischen Dialog zu treten, einander zuzuhören und „gemeinsam nach vorne zu schauen“. Sich auf den gewaltfreien Dialog als einen Aspekt der Friedlichen Revolution rückzubesinnen, hält auch Friederike Spengler für maßgeblich. Mathias Wienecke, der als Autor des Stücks „Wie viel mensch…? Gedanken und Briefe aus dem Jahr 1989“ ebenfalls an dem Podiumsgespräch teilnahm und insbesondere die Friedensthematik als erhaltenswert empfindet, bezog sich auf die fünf Grundsätze Mahatma Gandhis, die neben dem Bekenntnis zur Gewaltfreiheit auch den Vorsatz enthalten, zuerst „das Gute in jedem“ sehen zu wollen. Als christliches Äquivalent nannte Michael Dorsch das Konzept der in der Bergpredigt enthaltenen „intelligenten Feindesliebe“.

Bilanzierend hielt die Runde fest, das es bis heute viele Bereiche in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gebe, in denen die Ideen der Bürgerbewegungen aus der Friedlichen Revolution weiterhin als Leitbilder dienen könnten: so u. a. im Bezug auf den Schutz von Natur und Umwelt und auf die Abrüstung. Reinhard Guthke, den die Reaktionen in der Politik auf der Ebene von Stadt und Land gegenüber dem „Druck der Straße“ durch Fridays for future optimistisch stimmen, riet dazu, Veränderungen entsprechend dem christlichen Motto „Vertraut den neuen Wegen“ (Klaus-Peter-Hertzsch) nicht mit Wut, sondern mit Mut anzugehen.

Die Stimmung während des Jahres 1989, die für viele DDR-BürgerInnen nicht nur durch den „Ausnahmezustand“, sondern auch von der Hoffnung auf Veränderung geprägt war, vergegenwärtigten die in die Podiumsdiskussionen eingetakteten Beiträge des Schauspielers Martin Bertram. Die von ihm gespielten Szenen aus dem monologischen Theaterstück „wie viel mensch…?“ von Mathias Wienecke bestanden aus Briefen eines jungen DDR-Bürgers aus dem Jahr 1989 u. a. an seine in den Westen ausgereiste Schwester. Lebendig transportierten sie die ambivalenten Gefühle zwischen Resignation, Hoffnung, Euphorie und Aufbegehren in der DDR-Bevölkerung im Herbst 1989.