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25. Oktober 2019

Bericht zur Performance "Eine Hoffnung lernt gehen" - Christliche Anstöße für die Friedliche Revolution

Auf dem Vorplatz der Stadtkirche St. Michael, dem historischen Ausgangspunkt der Demonstrationen im Herbst 1989, lud die Freie Bühne zum "Demokratiefest" ein. Foto: Uwe Erler

Den Jahrestag der ersten großen Demonstration in Jena im Herbst 1989 griff das Ensemble der Freien Bühne Jena am 25. Oktober 2019 in einer Performance vor und in der Stadtkirche St. Michael auf. Ein „Demokratiefest“, an dem die Publikumsgäste sich interaktiv beteiligen konnten, thematisierte Ängste, aber auch Hoffnungen, die die Friedliche Revolution für die Menschen in der DDR mit sich brachte. Ausgehend von „Zeugnissen der Betroffenheit“, die im Zuge des ökumenischen Konziliaren Prozesses 1988-89 in der DDR entstanden waren, erinnerte das Ensemble gemeinsam mit dem Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis und dem ThürAZ an die zivilgesellschaftlichen Aufbrüche in der DDR im Herbst 1989.

Gleichzeitig richtete die Veranstaltung den Spiegel auf die heutige Zeit. Sie fragte danach, welche Botschaften die Ökumenische Versammlung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung für die Mentalitäten und Handlungsformen der Bürgerbewegungen von 1989 vorprägte, für die aktuelle Gesellschaft bereit hält und in welches Verhältnis sie sich zu aktuellen Protestbewegungen setzen lässt.

Anhand vielfältiger Formate suchten die Akteure der Freien Bühne das Gespräch mit jungen und älteren Publikumsgästen. Beim „Demokratiefest“ auf dem Vorplatz der Kirche präsentierten sie Stände zu zivilem Ungehorsam, politischem Speed-Dating, einem Grundgesetz-Quiz und einer „open stage“, auf der die RednerInnen sowohl Stellung für eine pluralistische Gesellschaft als auch gegen verunsichernde Vielfalt und für eine sicherere Umwelt bezogen. Dystopisch mutete der Auftritt einer selbsternannten „Bürgerwache“ an, die auf dem Kirchenvorplatz zwischen den umstehenden Publikumsgästen für „Ordnung“ sorgte, indem sie friedlich Protestierende gewaltsam abführte. Nicht zufällig erinnerte dieses Handeln auch an Vorgehensweisen der Volkspolizei und des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR.

Mit dem Zuruf, in der Kirche Zuflucht zu suchen, bewegten sich SchauspielerInnen und Publikum durch das Eingangsportal von St. Michael in den Innenraum der Kirche – durch ein Spalier aus ChorsängerInnen des Gemeindechores der Friedenskirche, die die Eintretenden mit dem Taizé-Lied „Wachet und betet“ in die Zeit der Fürbittandachten und Mahnwachen für die politisch Inhaftierten während der Friedlichen Revolution zurückversetzten.
Mit einem Podium, das Akteure der Friedlichen Revolution und einen jungen Akteur der Protestbewegung „Fridays for future“ miteinander ins Gespräch brachte, setzte sich das Programm in der Stadtkirche fort.

Die Frage danach, welchen Bezug zur Gegenwart die Beschäftigung mit den Umbrüchen von 1989/90 bietet, spiegelte sich auch in einer Ausstellung von „Zeugnissen der Betroffenheit“ aus der Ökumenischen Versammlung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung (1988-89), die durch aktuelle „Zeugnisse der Betroffenheit“ ergänzt wurden. Die neuen Zeugnisse waren von SchülerInnen des Adolf-Reichwein-Gymnasiums und dem Umfeld des Ensembles der Freien Bühne erarbeitet worden. Begleitend wurden Fotos ausgestellt, die der damalige Jenapharm-Mitarbeiter Jörg Auweiler im Herbst und Winter 1989 bei Kundgebungen und Demonstrationen der Friedlichen Revolution in der Jenaer Innenstadt aufgenommen hatte.

Nachdenklich stimmte das anschließende kurze szenische Stück im Altarraum der Stadtkirche, in dem die Freie Bühne sich dem Thema des „Abgehängtseins“ widmete. Dargestellt wurden Figuren, die Schwierigkeiten hatten, im neuen System der freien Marktwirtschaft Fuß zu fassen. Nach einer angeleiteten Meditation fand der performative Abend seinen Abschluss auf dem Vorplatz der Stadtkirche. Hier konnten unter anderem auf Schleifenband formulierte eigene Gedanken der Betroffenheit und Wünsche für die Gegenwartsgesellschaft an einem „Wunschbaum“ befestigt werden.