Bericht zum Zeitzeug*innenprojekt für Schüler*innen „Judentum und jüdisches Leben zur DDR-Zeit“

Judentum und jüdisches Leben in Thüringen zur DDR-Zeit – Ein Zeitzeug*innen-Projekt für Schüler*innen

 

Vom September 2020 bis zum Juli 2021 wurde in Thüringen das Themenjahr „Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen“ begangen. Es erinnerte an die lange Existenz jüdischen Lebens auf dem Gebiet des heutigen Thüringens. Dabei standen die Lebensleistungen von Jüdinnen und Juden, deren Einfluss auf das wissenschaftliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in Thüringen im Mittelpunkt. Jüdisches Leben ist dabei in seiner Vielfalt betrachtet worden, ohne die Shoah sowie die weiteren Pogrome und jüdischen Erfahrungen von Ausgrenzung, Gewalt und Repression durch die deutschen Mehrheitsgesellschaften aus dem Blick zu verlieren.

Im Rahmen dieses Themenjahres führten die Projektpartner Agentur für Bildung – Geschichte, Politik und Medien e. V. Berlin und das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ Jena gemeinsam mit der Leonardoschule Jena das Zeitzeug*innen-Projekt für Schüler*innen durch. Nachfolgend erhalten Sie weitere Informationen zum Projekt und können sich den Film, der als Projektergebnis durch die Schüler*innen produziert wurde, ansehen.

Die Geschichte und die Gegenwart jüdischen Lebens in Deutschland sind durch die Entrechtung, Entmenschlichung und Ermordung von Jüdinnen*Juden in der Shoah geprägt. Dass jüdisches Leben als etwas „fremdes Anderes“ gelesen wird und dass es tatsächlich aus dem lebensweltlichen Alltag vieler verschwunden ist, zeigt die Folgewirkung dieser Vernichtungsgeschichte. Mit diesem Erbe haben wir uns heute – im Angesicht zunehmender antisemitischer Aggressionen – mehr denn je auseinanderzusetzen. Thüringen als ostdeutsches Bundesland blickt auf eine 40jährige DDR-Vergangenheit zurück, die vor allem für die Eltern- und Großelterngeneration heutiger Jugendlicher prägend hinsichtlich historischer Bildung und menschenrechtlicher Bewusstseinslagen war. Der DDR-Staat definierte und legitimierte sich grundlegend über eine antifaschistische Erzählung der NS-Geschichte. Vermittelt wurde die Heldenperspektive der kommunistischen Widerstandskämpfer. Die Verfolgungsgeschichten der Jüdinnen* Juden und anderer Opfergruppen führten ein marginales Dasein. Auch der Modus von Erinnerung und Aufarbeitung war fest in staatlicher Hand, regionale eigen-Sinnige Bürgerinitiativen bottom-up waren nicht vorgesehen und auch rechtlich kaum möglich. Angesichts dieses komplexen Bedingungsgefüges erschien eine Projektidee sinnvoll, die nicht nur die Geschichte jüdischen Lebens als integralen Bestandteil deutscher Allgemein- und thüringischer Landesgeschichte thematisiert, sondern der Leerstelle „Jüdisches Leben in der DDR“ zudem durch die direkte Begegnung von Jugendlichen mit jüdischen Zeitzeug*innen entgegenwirkt. Über das Medium bzw. die Methode des Oral History-Interviews erschien es möglich, Jüdinnen*Juden als souveräne Subjekte ihrer Geschichte einzubeziehen und ihre Perspektiven und Positionen sichtbar zu machen.

 

Wichtig war uns in einem zweiten Schritt, handhabbare Projektergebnisse zu erzielen und diese auch öffentlich zu präsentieren. Das Projekt endet daher nicht mit den abgedrehten Interviews, sondern mündet in eine zweite Projektphase – die selbstständige, aber professionell begleitete Produktion eines Films aus den entstandenen Materialien. Der Umgang mit dem Medium Film hält ein zusätzliches motivierendes und aktivierendes Moment für Projektarbeit mit jungen Menschen bereit – sie entwickeln Ideen und Konzepte zur Dramaturgie eines Films und seiner Teile, lernen selbst Filmszenen aufzunehmen, Filmmusik zu produzieren und erfahren, wie man ein Drehbuch schreibt. Jugendliche werden selbst zu Erzähler*innen von Geschichte(n). Sie setzen sich in dieser zweiten Projektphase noch einmal intensiver damit auseinander, was sie filmisch erzählen wollen und weshalb sie bestimmte Interviewsequenzen auswählen und andere nicht. Auf diese Weise richtet sich das Projekt verstärkt an den Wissenshintergründen, Vorlieben und Überzeugungen der Teilnehmenden, aber auch an ihren Erkenntnissen, Erfahrungen und Eindrücken aus der Interviewarbeit aus.

 

Hier geht es zur entstandenen Videodokumentation:

 

 

Und hier zum Making of:

 

 

Die Zeitzeug*innen

 

Alena Fürnberg: Alena Fürnberg wurde 1947 in Prag geboren. Ihre Eltern waren beide jüdisch-deutscher Herkunft und seit den 1920er Jahren in der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei aktiv. Ihr Vater war der Schriftsteller Louis Fürnberg.
Alenas Familie überlebte den Krieg im Exil und kehrte nach 1945 nach Prag zurück. Ab 1954 lebte Alena mit ihrer Familie in Weimar. Sie wurde erst Schauspielerin, dann Professorin für Sprechen. Im Lauf ihres Lebens kam sie immer wieder nach Weimar zurück, wo ihre Mutter lebte.
Für Alenas Eltern war ihre kommunistische Überzeugung immer zentral, die jüdische Religion dagegen empfanden sie zu einengend. Jenseits dieser Einstellung zur Religion rief die Mutter Alena dazu auf sich gegen Antisemitismus zu wehren. Alena sagt heute, dass ihre jüdischen Wurzeln für sie persönlich eine Bedeutung haben.

 

Pepi Ritzmann: Pepi Ritzmann wurde 1953 in Erfurt geboren. Ihr Vater war Raphael Scharf-Katz, der ehemalige Vorsitzende der jüdischen Landesgemeinde Thüringen 1985-1994. Er wurde 1945 aus dem KZ Mittelbau-Dora befreit.
Pepi und ihre Geschwister wurden von ihrem Vater liberal-jüdisch erzogen. Er nahm sie regelmäßig mit in die Erfurter Synagoge. Pepi Ritzmann lebt bis heute in Erfurt, seit 1972 arbeitet sie an städtischen Krankenhäusern als medizinisch-technische Assistentin.
Pepi ist bis heute Mitglied der Erfurter jüdischen Gemeinde. Sie hat auch ihre Kinder jüdisch erzogen. Ihr Sohn Michael Ritzmann ist ein international tätiger Künstler.

 

Reinhard Schramm: Reinhard Schramm wurde 1944 in Weißenfels geboren, wo er auch aufwuchs. Seine Mutter war Jüdin, der Vater hingegen nicht. Mit seiner Mutter verbrachte Reinhard Schramm die letzten Wochen von Krieg und Verfolgung im Versteck.
Nach dem Abitur ging Reinhard Schramm zum Studium der Elektrotechnik nach Polen. 1969 kehrte er in die DDR zurück. Sein Berufsleben war geprägt durch eine Professur an der Technischen Universität in Ilmenau. Nach der Wiedervereinigung arbeitete er dort als Leiter des Landespatentzentrums.
Reinhard Schramm hat seine aus Polen stammende Frau 1966 geheiratet. Beide haben drei gemeinsame Kinder. Zur jüdischen Gemeinde kam Reinhard Schramm Ende der 1980er-Jahre. Er ist bis heute Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

 

Ursula Ulbricht: Ursula Ulbricht wurde 1950 in Erfurt als Tochter einer evangelischen Mutter und eines jüdischen Vaters geboren. Sie hat zwei Geschwister. Beide Eltern stammen ursprünglich aus Breslau. Ursula Ulbricht besitzt einen Berufsabschluss als Handelskauffrau und hat Elektronik studiert. Bis 1989 hat sie im Funkwerk Erfurt als Technologin gearbeitet.
1968 heiratete Ursula Ulbricht. Aus der Ehe, die geschieden ist, gingen zwei Töchter hervor. Sie wurden 1969 und 1970 geboren.
Zu ihrem Engagement in der Jüdischen Landesgemeinde kam sie 1989, nachdem sie gefragt wurde, ob sie sich eine Arbeit im Büro vorstellen könnte. Dort ist sie bis heute tätig.

 

Text: Ulrike Rothe, Christian Hermann

 

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