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14. Mai 2010
Zur gegenwärtigen Diskussion der DDR-Geschichtsaufarbeitung in Thüringen - ein persönlich-politischer Einwurf
Von Tilo Schieck
Wenn die TLZ dankenswerter Weise der gegenwärtigen Debatte zur DDR-Aufarbeitungslandschaft in Thüringen Raum gibt, sollte sich die Politik in diesem Land wesentlich stärker als bisher daran beteiligen. Grund dafür gibt es genug, wenn eine Landesbeauftragte für Stasiunterlagen Deutungshoheiten reklamiert, die Linke weiterhin in ihren Positionspapieren von der Gründung der DDR als dem legitimen Versuch, einen sozialistischen Staat auf deutschem Boden aufzubauen, spricht und die Zukunft der Aufarbeitungsinitiativen jenseits der Andreasstraße seitens der Landesregierung noch immer nicht abgesichert ist. Die nachdenkliche Art, wie sie in den Interviews der TLZ mit Prof. Knigge und Prof. Veen, dem Podiumsgespräch zur Andreasstraße oder dem Gastbeitrag von Frau Lenski zum Ausdruck kommt, sollte dabei Maßstab bleiben. Ich möchte als Kommunalpolitiker nun bewußt von einer persönlichen und lokalen Perspektive ausgehen.
Ich bin in Arnstadt in der Willy-Zeitsch-Straße aufgewachsen, die übrigens nach 1989 flugs umbenannt wurde. Eine Tafel, die dem Straßenschild als Erklärung beigefügt war, wies ihn als kommunistischen Widerstandskämpfer aus, der von den Nazis verhaftet wurde und an den Folgen der Verhaftung verstarb. Dieses Bild wurde auch gern in der Schule und auf öffentlichen Veranstaltungen gepflegt. Inoffiziell wurde in Arnstadt dagegen genußvoll eine andere Geschichte kolportiert: Die eines Alkoholikers, der seine Familie vernachlässigte, im Suff in der Kneipe blöde Witze gerissen habe, dafür weggefangen wurde und am Ende an seiner Krankheit verstarb. Nun würde auch diese Darstellung viel über den Umgang mit Menschen in der NS-Zeit mitteilen können, wenn denn genau erzählt würde, aus welchen kleinen Begebenheiten dem einzelnen damals ungeahnte Konsequenzen erwuchsen. Ein solches Reden war aber in den 70ern der DDR weder vorgesehen noch möglich. So blieb auf der einen Seite der politisch überzeichnete Popanz und auf der anderen Seite eine die-da-oben-können-mir-viel-erzählen-Meinung übrig, der zudem der Geschmack des gehässigen Nachtretens anhaftete. Dem historischen Leben des Menschen Zeitsch werden wohl beide Sichtweisen nicht gerecht – ein kleines Lehrstück über die Wirkung von politischer Deutungshoheit.
Allerdings agierten unabhängige Gruppen schon in der Endphase der DDR anders. Ein weiteres Beispiel aus meinem Umfeld: Mitte der 80er Jahre organisierten wir in der Ev. Studentengemeinde in Halle ein kleines Zeitzeugenprojekt. Wir wollten von Hallensern Bürgern erfahren, ob sie den Mai 1945 als Befreiung oder Niederlage erlebt haben, was natürlich auch dazu führte, über ihr Verhältnis zum NS-System zu reden. Dafür gab es mehrere Anlässe. So war für uns zum einen die Zeitzeugenarbeit der Aktion Sühnezeichen ein Vorbild, die damals u.a. die Routen der Todesmärsche 1945 verfolgte und dortige Anwohner z.T. das erste Mal über eigenes Erleben befragte. Zum anderen wurde für uns die Frage, wie Verantwortung sich im totalitären System darstellt, immer gewichtiger. Der Satz aus dem Stück „Bruder Eichmann“ von Heinar Kipphardt, der den Vernehmer sagen läßt: „Er (Eichmann) ist einer von den Leuten, die ich hier im Bus nie wiedererkennen würde“, die Formulierung vom „gewöhnliche(n) funktionale(n) Mensch(en), der jede Maschine ölt“ hatte sich nicht nur bei mir eingebrannt. Die Anworten in unserem Projekt, die wir bekamen, waren sehr widersprüchlich, wurden von uns sehr persönlich reflektiert und trafen sich auch mit der Frage nach unserer eigenen Haltung in der Gegenwart. Es ist wohl kein Zufall, dass wir uns dann in der Folgezeit im neugegründeten Friedensarbeitskreis der ESG wiedertrafen.
Wenn ich diese Erfahrungen auch bei der Aufarbeitung der DDR-Diktatur nicht übertragen, aber wohl bedenken will, schälen sich für mich folgende Prämissen heraus: Ein Verzicht auf Mythenbildung, seien sie damals antifaschistischer oder heute antikommunistischer Art und damit einhergehend ein Verzicht auf Bekenntnisse jeder Coleur - dafür ein genaues Erzählen von Biographien und ihren konkreten Umständen, ein Zulassen von widersprüchlichem Erinnern, das Recht des heute Lebenden auf seine eigenen Fragen und auf eigene, selbst erarbeitete Einschätzungen und Schlußfolgerungen und eine Anbindung an sein heutiges politisches Denken. Das benötigt eine Infrastruktur, die nicht nur lediglich der Selbstverwaltung der jeweiligen Erinnerung von Zeitzeugen dient, sondern eine reiche Aufarbeitungslandschaft mit differenzierten wissenschaftlichen und pädagogischen Ansatzpunkten für die heute Fragenden. Dieses gleichberechtigte Agieren des Erinnern und des Erforschens, die gleiche Augenhöhe des Fragenden und Redenden, ermöglicht dann auch die gegenseitige Wertschätzung der sich heute begegnenden Personen.
Ich möchte dies an zwei m.E. gelungenen Beispielen aus Jena illustrieren: Mit dem Theaterprojekt „Der dritte Weg“ wurde 2009 aus einer Außensicht heraus die Endphase der DDR in Jena aufbereitet. Sehr dicht gespielte Szenen, die auf ausführlichen Interviews beruhen und den Zuschauer durch die Stadt führten, gaben Stoff zum Nachdenken, Besinnen und vermittelten Empathie mit den damaligen Akteuren. Einige von ihnen standen anschließend jeweils kleinen Gruppen von Zuschauern Rede und Antwort. Am Ende zog ein gespielte Demonstration in das aktuelle Theaterhaus, wo in Arbeitsgruppen u.a. Internetzensur, Zivilcourage und Blockadetrainig thematisiert wurden. Hier wurde ein Dreiklang Material – Gespräch – Präsenz in der Gegenwart gut greifbar, und vom - auch emotional sehr bewegten - Publikum gern aufgenommen.
Ein anderes Beispiel sind die Schulprojekttage im Thüringer Archiv für Zeitgeschichte. Hier wird nicht nur Basiswissen vermittelt, sondern die Schüler können sich mit authentischen Egodokumenten aus der DDR-Opposition und Repressionsakten beschäftigen, diese erst einmal selbst begreifen und ihre Fragen und Schlußfolgerungen anschließend mit den Zeitzeugen diskutieren, die diese Dokumente zur Verfügung gestellt haben. Auch hier wird der eigene Erkenntnisweg gefördert und nicht eine vorgesetzte These vermittelt. Solche positiven Akzente verknüpfen sich in Jena mit dem Bemühen, ein kommunales Konzept zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit zu formulieren und umzusetzen. Dieses Papier, dessen Erarbeitung auf Initiative der bündnisgrünen und der SPD-Fraktion vom Stadtrat beschlossen wurde und nunmehr seit einem Jahr vorliegt, beschreibt wissenschaftliche wie pädagogische Voraussetzungen und Problemfelder, auch Fehlstellen, und definiert darausfolgend konkrete Aufgaben für die Stadt. Aus einem Diskurs zwischen Politik, Stadtverwaltung, Wissenschaft und Vereinen entstanden, spiegelt sich darin die offene, auch unterschiedliche Sichtweise der Beteiligten wieder. Aber sie enthält auch Verpflichtungen für die Kommune und Stadtpolitik, wie die Einrichtung der Stelle eines Stadthistorikers, die Verknüpfung kommunaler Angebote mit dem schulischen Bereich oder die institutionelle Unterstützung der zivilgesellschaftlichen Initiativen Geschichtswerkstatt und Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“.
Prof. Deufel, den ich für seine klaren Worte zur Aufarbeitungsdiskussion beider Diktaturen, insbesondere zur laufenden Petersendebatte, im Stadtrat Jenas sehr schätze, empfehle ich, diese positiven Jenaer Erfahrungen als zuständiger Staatssekretär auf die Landesebene mitzunehmen. Er sollte sich weniger als Dompteur von zugespitzten Interessen einzelner Vereine wie in der Angelegenheit Andreasstraße begreifen, sondern als Sachwalter eines breit aufgestellten Angebotes nachhaltigen Erinnerns und Lernens zur DDR-Geschichte. Dazu braucht er keine neuen Sachverständigenkommissionen und Gutachten. Der wissenschaftliche und methodische Vorlauf liegt vor, die Kommission unter Leitung des renommierten Beisitzers der Enquete-Kommission Prof. Maser hat eigentlich vernünftige Strukturvorschläge gemacht, die Aufarbeitungsiniativen haben sich im Geschichtsverbund bei aller Verschiedenheit zu einer Zusammenarbeit zusammengefunden. Seitens des Ministeriums bedarf es nun eines klares Wortes zu seinen eigenen Zielsetzungen, deren institutionellen Absicherung und damit auch zwangläufig belastbare Aussagen zur (Ko-)finanzierung der Aufarbeitungsinitiativen im ganzen Land.
Tilo Schieck
Kulturpolitischer Sprecher der Stadtratsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen Jena
Vorsitzender Werkausschuss JenaKultur

