Impressum  |  Datenschutzerklärung  |  Kontakt  |  Startseite  |  Sitemap
 

News Startseite

16. April 2019

Bericht zum Zeitzeugen-Podium " 'Wir brauchen keine Folgsbildung!' - Jenaer Schulen im Umbruch 1989/90"

In der Cafeteria der Integrierten Gesamtschule Grete Unrein sprachen Rüdiger Schütz, Gisela John, Dr. Matias Mieth und Frank Schenker über die Umbrüche im Bildungswesen 1989/90

Am Donnerstag, den 28. März 2019 fand der Auftakt der Veranstaltungsreihe „ ‚Den aufrechten Gang erlernen‘: Zivilgesellschaftliche Aufbrüche in Jena 1989/90“ statt. An der Gesprächsrunde unter dem Titel „ ‚Wir brauchen keine Folgsbildung!‘ – Jenaer Schulen im Umbruch 1989/90“ nahmen Gisela John, Frank Schenker und Rüdiger Schütz teil. Gisela John und Rüdiger Schütz waren 1989 Deutsch- und Geschichtslehrer an der POS Grete Unrein, Frank Schenker Lehrer für Biologie und Sport an der POS Johann Gottlieb Fichte.

Alle drei prägten die Umbrüche im Bildungswesen auf der lokalen Ebene mit: Gisela John forderte mit anderen LehrerInnen in einem Offenen Brief an die Stadtschulrätin im Oktober 1989, die Bildungsarbeit vom Programm der SED zu trennen und allen Kindern und Jugendlichen gleiche Bildungschancen zu gewähren. Rüdiger Schütz und Frank Schenker gründeten Anfang Dezember 1989 einen lokalen Ableger des unabhängigen Interessenverbandes „Demokratische Bildung und Erziehung“. Frank Schenker übernahm darüber hinaus ab Mai 1990 die Leitung des staatlichen Schulamts in Jena.

In einem ersten Teil des Gesprächs berichteten die Zeitzeugen unter Moderation von Dr. Matias Mieth über ihre persönlichen Erfahrungen als Lehrkräfte im Bildungswesen der DDR vor 1989. Rüdiger Schütz wies auf die Besonderheit hin, dass an der POS Grete Unrein ein ungleich liberaleres Klima geherrscht habe als an anderen Schulen: schon ab 1986 sei eine offenere Diskussionskultur entstanden und kritischere Beiträge in Diskussionen mit der Schulparteileitung möglich gewesen. Bereits im Mai 1989 hatte die damalige Schulleiterin einigen LehrerInnen der POS Grete Unrein eine Reise in die Bundesrepublik ermöglicht, um sich dort mit dem westdeutschen Schulsystem vertraut zu machen. Dennoch gab es auch an dieser Schule Momente, in denen die Lehrkräfte gezwungen waren, sich zur politischen Linie der SED zu positionieren. Gisela John skizzierte das Beispiel einer Kollegin, die einen Ausreiseantrag gestellt hatte, zu dem die anderen LehrerInnen hätten Stellung nehmen müssen.

Die Zäsuren, die dazu führten, dass sich die Podiumsteilnehmer für politische Veränderungen einsetzten, waren unterschiedlich. Gisela John beschrieb für ihr eigenes kritisches Engagement einen Moment der „Explosion“ im September 1989 als ausschlaggebend: Im Rahmen eines Besuchs des Schulinspektors sollten die Lehrer eine „politische Stunde“ abhalten, in der die massive Ausreisewelle jedoch nicht thematisiert werden durfte. Daraufhin habe es erste Zusammenkünfte und Aktionen gegeben. Am 27. Oktober verfasste Gisela John gemeinsam mit der damaligen Mathe- und Physiklehrerin Barbara Wrede einen offenen Brief an die Stadtschulrätin Sieglinde Schubert, in dem sie im Sinne des Neuen Forums eine Demokratisierung des Schulwesens forderten. Rüdiger Schütz verortet den Umschlagpunkt, der ihn zum politischen Handeln animierte, im Mai 1989: „Mich hat’s zum ersten Mal umgerissen mit der gefälschten Kommunalwahl“. Obwohl ein Kollege in einem Wahllokal mehrere Gegenstimmen ausgezählt habe, ähnlich wie es WahlbeobachterInnen auch aus vielen anderen Wahllokalen berichteten, hätten die Zeitungen ein Ergebnis von 99,98 Prozent für den Wahlvorschlag der Nationalen Front veröffentlicht. In einer Versammlung der Schulleiter vor Schuljahresbeginn im Herbst 1989 sei diese Diskrepanz nicht thematisiert worden. Gemeinsam mit anderen politisierte sich Schütz durch diese Schweigepolitik – die  ‚duldende Akzeptanz‘  gegenüber dem SED-Regime schlug in Handlungswillen um.

Ausschlaggebend für das Engagement Rüdiger Schütz` und Frank Schenkers war der Kontakt zu Gruppen des unabhängigen Interessenverbandes „Demokratische Bildung und Erziehung“ (UIV) in Leipzig, Dresden und Berlin über den damaligen Zeiss-Arbeiter und späteren OTZ-Redakteur Frank Döbert. Dieser brachte erste inhaltliche und programmatische Entwürfe des UIV mit nach Jena, an denen sich Frank Schenker und Rüdiger Schütz bei der Gründung einer lokalen Gruppe des UIV orientierten. Plattformen und Gruppen wie der UIV und das Neue Forum übernahmen für Frank Schenker trotz ihrer Heterogenität die Funktion, für eine gemeinsame Basis zu sorgen und das politische Aktivwerden Einzelner zu legitimieren.

Was den Dialog mit den Vertretern des zerfallenden SED-Regimes anbelangt, hält Frank Schenker eine Differenzierung für nötig. Zwar habe es strenge Führungshierarchien gegeben, doch sei mit einigen Schulleitern durchaus konstruktiver Dialog möglich gewesen. Die unkooperative Stadtschulrätin Sieglinde Schubert jedoch wurde Ende Oktober 1989 in einer Versammlung auf den Druck von Jenaer Lehrkräften hin zum Rücktritt bewegt. Hier zeichnete sich ab, dass die Infragestellung der althergebrachten Machtverhältnisse auch im Schulwesen zu diesem Zeitpunkt bereits weit fortgeschritten war. Reformorientierte Lehrerinnen und Lehrer zeigten sich bereit, die Verhältnisse im Bildungswesen aktiv mitzugestalten und in das Machtvakuum vorzustoßen, das der handlungsunfähig gewordene Staats- und Parteiapparat auch auf kommunaler Ebene hinterließ. Im März 1989 sorgte Frank Schenker als Schulamtsleiter gemeinsam mit dem neuen Stadtschulrat dafür, dass sich die in ihren Ämtern verbliebenen SchulleiterInnen der Vertrauensfrage stellen mussten – eine Jenaer Besonderheit, wie Schenker hervorhob. Nur 30 Prozent seien danach im Amt verblieben. Auch die Jenaer LehrerInnen wurden mittels unterschiedlicher Fragebögen auf ihr Verhalten und ihre Rolle in der SED-Diktatur hin überprüft.

Rüdiger Schütz nahm das Frühjahr 1990 im Gegensatz zu Frank Schenker als ernüchternd wahr. Die „anarchistische Periode“, in der auch im pädagogischen Bereich viel möglich gewesen sei, endete für ihn mit der Neugründung der Länder auf ehemaligem DDR-Gebiet im Oktober 1990 und der weitreichenden Übernahme des dreigliedrigen Schulsystems der alten Bundesländer. Dennoch gelang es in Thüringen nach Inkrafttreten des vorläufigen Bildungsgesetzes am 25. März 1991, die sogenannte „Regelschule“ durchzusetzen.

Gisela John und ihre MitstreiterInnen aus dem im Neuen Forum angesiedelten Arbeitskreis „Alternative Pädagogik“ hatten sich schon im Herbst und Winter 1989/90 an alternativen reformpädagogischen Schulmodellen orientiert und strebten – ähnlich, wie es im DDR-Schulsystem umgesetzt war –, ein gemeinsames Lernen der SchülerInnen von der ersten Klasse bis in die Oberstufe, möglichst bis zum Abitur an. In der 1991 von Gisela John mitgegründeten Jenaplan-Schule konnte dieses Konzept umgesetzt werden. Die weitgehende Orientierung am westdeutschen Schulsystem bedeutete jedoch, dass im staatlichen Schulwesen Grundschulen von weiterführenden Schulen getrennt wurden, was für SchülerInnen bereits nach der 4. Klasse eine leistungsbezogene Selektion mit sich brachte. 

Die Podiumsgäste bedauerten, dass in der Angleichung der Schulsysteme in den neuen Bundesländern an jene der alten Bundesrepublik nicht danach gefragt wurde, welche Elemente aus dem DDR-Schulsystem erhaltenswert gewesen seien – der polytechnische Unterricht und das gemeinsame Lernen von der ersten bis zur zehnten Klasse empfanden sie bei aller Kritik an der ideologischen Durchdringung, Parteilichkeit, Entindividualisierung und Entmündigung im Bildungswesen der DDR als durchaus sinnvoll.