Impressum  |  Datenschutzerklärung  |  Kontakt  |  Startseite  |  Sitemap
 

News Startseite

21. November 2018

Bericht zum Vortrag "Politikwechsel oder Etikettenschwindel? Die SED-Politik der achtziger Jahre in Bezug auf Erinnerungskultur und jüdische Gemeinden"

Das ThürAZ begrüßte die Gäste im Jenaer Stadtmuseum zum Vortrag von Frau Dr. Offenberg

Am Donnerstag, den 13. November 2018 lud das ThürAZ die Historikerin und Rabbinerin Dr. Ulrike Offenberg zu einem Vortrag ins Jenaer Stadtmuseum ein. Das Thema lautete: „Politikwechsel oder Etikettenschwindel? Die SED-Politik der achtziger Jahre in Bezug auf Erinnerungskultur und jüdische Gemeinden“.

In ihrem Vortrag ging Frau Offenberg zunächst auf die Etablierung jüdischer Gemeindearbeit in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein. Während in den westlichen Besatzungszonen etwa 300.000 jüdische „Displaced Persons“ (DP) das Rückgrat der sich neu konstituierenden Gemeinden bildeten, gab es in der Sowjetzone keine DP-Lager, aus denen sich Gemeindemitglieder hätten rekrutieren können. Insgesamt gab es in der SBZ und Ost-Berlin 1946 nur etwa 4000 Gemeindemitglieder, davon 350 in Thüringen.
Einen tiefen Einschnitt, der bis zum Ende der DDR „traumatisch fortwirkte“, stellte das Jahr 1953 dar, in dem die spätstalinistischen ‚antikosmopolitischen Säuberungen‘ in den kommunistischen Parteien des sowjetischen Hegemonialbereichs zunehmend antisemitische Züge annahmen. Im Zusammenhang mit dem Prozess um den Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, Rudolf Slánský, fanden auch in der DDR Hausdurchsuchungen bei Vorsitzenden und Mitgliedern der jüdischen Gemeinden statt. Teilweise schlossen sich Verhaftungen und Verhöre an. Insbesondere jüdische WestmigrantInnen standen unter Verdacht, als ‚zionistische Agenten‘ die sozialistischen Staaten destabilisieren zu wollen. Zwischen dem Judentum und dem als Feindbild dienenden Kapitalismus konstruierten die Staatsorgane der DDR einen Zusammenhang und bezichtigten auch hohe Parteifunktionäre, darunter Politbüro-Mitglied Paul Merker, des Zionismus und der Spionage. Bis April 1953 flohen 830 Gemeindevorsitzende und –mitglieder vor der Verfolgungswelle nach Westberlin. Die Gemeinden in der DDR verloren damit insgesamt ein Viertel ihrer Mitglieder. Zurück blieben „geschwächte, überalterte und führungslose Gemeinden“, deren Leerstellen die SED bis in die Vorstände hinein mit linientreuen Kadern besetzte. Die den jüdischen Gemeinden zugedachte politische Rolle, den Antifaschismus der SED zu akklamieren, nahmen diese fortan „relativ konfliktlos“ wahr. Das ab 1953 erscheinende Nachrichtenblatt des Verbandes der jüdischen Gemeinden in der DDR berichtete entsprechend systemkonform und enthielt Loyalitätsbekundungen zum SED-Regime.

Bevor sie auf die Entwicklung der SED-Politik gegenüber jüdischen Gemeinden in den 1980er Jahren einging, skizzierte Ulrike Offenberg politische Konstanten, die sich von den 1950er Jahren bis 1989/90 hinzogen. Bereits ab 1946 hatte sich in der Haltung der SED den Opfern der NS-Verfolgung gegenüber ein Phänomen abgezeichnet, das bis 1989/90 Gültigkeit behielt: Es wurde differenziert zwischen Menschen, die aufgrund ihres aktiven kommunistischen Widerstands verfolgt wurden und Menschen, die aus rassischen oder religiösen Gründen verfolgt und daher als „passive“ Opfer betrachtet wurden. Der Ehrentitel ‚Kämpfer des Faschismus‘ wurde ab 1949 jenen zuerkannt, die „im Zuchthaus, im Gefängnis und im Konzentrationslager ihrer antifaschistischen Gesinnung treu geblieben“ seien. Bei politisch missliebigem Verhalten konnten beide Titel aberkannt werden.
Als weitere Kontinuitätslinie beschrieb Frau Dr. Offenberg die Definition des Judentums durch die Staats- und Parteiführung in der DDR. Jüdisch sein bezog sich dieser Wahrnehmung entsprechend streng auf das Glaubensbekenntnis und die Mitgliedschaft in Gemeinden. Säkulare Ausdrucksformen wurden hingegen nicht akzeptiert, da sie den Verdacht der „doppelten Loyalität“, also den Verdacht des Zionismus, auf den Plan riefen. Die feindselige Haltung gegenüber Israel zeigte Frau Dr. Offenberg ebenfalls als eine Konstante in der SED-Politik auf.

Mitte der 1980er Jahre verortet die Historikerin einen Umschwung in der Politik der SED gegenüber jüdischen Gemeinden. Bemühungen zum Erhalt der vom Aussterben bedrohten Gemeinden wurden eingeleitet. Die Motivlage eruierte Frau Dr. Offenberg als divers. So habe einerseits das Bestreben, mit dem jüdischen Gemeindeleben auch die antifaschistische Legitimationsgrundlage der DDR zu erhalten, eine Rolle gespielt. Andererseits habe eine Neubewertung der deutschen Vergangenheit und damit auch der jüdischen Verfolgungsgeschichte stattgefunden, die sich in der Vorlage eines Konzepts zur Einbeziehung jüdischer Geschichte und Kultur in die Präsentation des nationalen Kulturerbes durch das Staatssekretariat für Kirchenfragen konkretisierte. Ausschlaggebend für die neue Politik sei jedoch letztlich die desaströse finanzielle Lage der DDR gewesen, in der die Staatsführung nach Möglichkeiten gesucht habe, an Devisen zu gelangen. Das Ansinnen, die Außenhandelsbilanz mit den USA zu verbessern und mit der Meistbegünstigungsklausel bedacht zu werden, verband die SED mit der Bereitschaft, das jüdische Erbe und die Situation der jüdischen Gemeinden in der DDR aufzuwerten. Tatsächlich wurden 1986/87 in der DDR Initiativen möglich, die vorher undenkbar erschienen. Ein US-amerikanischer Rabbiner durfte sein Amt als Gemeindevorsteher in Ost-Berlin antreten, Friedhöfe und Synagogen wurden restauriert, jüdische Kulturveranstaltungen organisiert, differenziertere Filme und Bücher zum Judentum veröffentlicht, die Gründung einer weltlichen Organisation für Nachfahren jüdischer Migranten unter dem Namen ‚Wir für uns‘ toleriert. Der 50. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 wurde am 8. und 9. November 1988 von staatlicher Seite so groß inszeniert wie nie zuvor. Mit der zeitweiligen Aufwertung der jüdischen Gemeinden wurden jedoch auch antisemitische Ressentiments fortgeschrieben. Die SED erhoffte einen positiven Widerhall in den jüdischen Gemeinden der USA, die dann ihren Einfluss auf die Regierung der USA geltend machen sollten, damit die DDR die beschriebene Außenhandelsbegünstigung der Vereinigten Staaten erhalten könne. Die SED ließ sich in ihrem politischen Handeln somit durch die Annahme eines weltweiten politischen Einflusses der Juden leiten. In dieser antisemitischen Vorstellung finden sich zusätzlich Versatzstücke des Vorurteils eines ‚jüdischen Finanzkapitals‘.

Insgesamt bewertete Ulrike Offenberg die Bemühungen der Staats- und Parteiführung um die jüdischen Gemeinden als Strohfeuer. Das Interesse am jüdischen Kulturerbe sei schnell wieder abgeklungen. Erst mit dem Umbruch 1989/90 erfuhr das Thema erneut eine Aufwertung. Ein jüdischer Kulturverein, der aus der Gruppe ‚Wir für uns‘ hervorgegangen war, war in der ‚Arbeitsgruppe Ausländerfragen‘ des Zentralen Runden Tisches vertreten und brachte im Februar 1990 die Forderung ein, jüdischen Migranten aus der Sowjetunion, die vor antisemitischer Diskriminierung flohen, in die DDR aufzunehmen. In der Regierungserklärung der ersten frei gewählten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière wurde der Punkt im April 1990 aufgegriffen. Erklärt wurde die Bereitschaft, Verantwortung für die deutsche Geschichte zu übernehmen, sich um diplomatische Beziehung zu Israel zu bemühen und jüdische Migranten aus der Sowjetunion aufzunehmen. Die erste Ausländerbeauftragte der DDR, Almuth Berger, bewirkte, dass der Ministerrat im Juli 1990 einen entsprechenden Beschluss fasste.

Die jüdischen Gemeinden erfuhren in der Folge einen enormen Mitgliederzuwachs: Bis Oktober 1990 kamen 2000 sowjetische Juden nach Ostberlin. Die Regelung, die nach der deutschen Wiedervereinigung ihre Gültigkeit behielt, 1991 allerdings in eine Regelung über „Kontingentflüchtlinge“ umgewandelt wurde, beschrieb Ulrike Offenberg als ein großes Verdienst der letzten DDR-Regierung. Sie habe dazu geführt, dass große Gemeinden in Westdeutschland verstärkt, aber auch neue Gemeinden gegründet werden konnten – so u. a. die Gemeinde in Hameln, der Frau Dr. Offenberg seit 2016 vorsteht.