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8. Juni 2018

Bericht zum Filmgespräch "Unser kurzes Leben"

Dr. Maria Brosig (links) im Gespräch mit Katharina Kempken

Am 1. Juni zeigte das ThürAZ den DEFA-Film "Unser kurzes Leben" von 1981, der auf dem unvollendeten, 1974 posthum veröffentlichten Roman "Franziska Linkerhand" von Brigitte Reimann basiert. Im Anschluss an die Filmvorführung stand die Literaturwissenschaftlerin Dr. Maria Brosig von der Universität Potsdam zum Gespräch zur Verfügung. Sie hatte sich in ihrer 2010 veröffentlichten Dissertation mit Traditionsbildung in der DDR-Literatur am Beispiel von "Franziska Linkerhand" befasst.

Zunächst ging es in dem Gespräch um die Romanvorlage und die Motivation Brigitte Reimanns, sich mit dem Thema "Bauen" zu befassen. Maria Brosig sah hierfür vor allem zwei Gründe als ausschlaggebend: den autobiografischen Bezug, da Brigitte Reimann ab 1960 selbst in Hoyerswerda wohnte und sich dort mit dem Thema „menschenfreundliche Stadt“ nicht nur beschäftigte, sondern auch eine mediale Debatte darüber in der Lausitzer Rundschau anstieß. Zur autobiografischen Motivation zählt auch die Beschäftigung Reimanns mit Architektur durch ihre Bekanntschaft mit dem Architekten Hermann Henselmann und durch ihre Rezeption von Architekturtheorie. Einen zweiten Aspekt für die Motivation zur Beschäftigung mit dem Topos sieht Maria Brosig darin, dass das Thema „Bauen“ sich besonders eignet, um daran die Frage einer gesellschaftlich fundierten, nicht allein privat gedachten Selbstverwirklichung zu behandeln, da die Produkte des Architekten - das Haus, die Stadt - immer gesellschaftlich mit bedingt seien. Die Architektur stellte also als ein Feld dar, das Brigitte Reimann die Möglichkeit bot, sich damit beschäftigen zu können, worum es ihr ging: schöpferisch leben zu können – nicht nur privat, sondern auch gesellschaftlich bedingt.

In die lange Entstehungsphase des Romans von 1963 bis 1973 schrieben sich, so Maria Brosig, (kultur)politische Schlüsselereignisse ein, die desillusionierend auf die Autorin wirkten: so das 11. Plenum des ZK der SED 1965 und die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. Von einem Scheitern der Figur Franziska Linkerhand im Film, das an einem Scheitern der Brigitte Reimann an den gesellschaftlichen Umständen orientiert war, kann jedoch aus Maria Brosigs Sicht nicht gesprochen werden. Der Film zeige nach der Lesart des Regisseurs Lothar Warneke vielmehr einen Reifeprozess, eine Belehrung der jungen Architektin. Ihr „naiver Optimismus“, der mit Maximalismus, Rigorismus und Idealismus einhergehe, werde durch einen „zweiten Optimismus“ am Ende des Films abgelöst. Dies gleiche auch den melancholischen Grundton des Films aus. Lothar Warneke sei gezielt als Regisseur des Films ausgewählt worden, da er „für mäßigende oder ausbalancierende Ästhetik und Regiekonzepte“ bekannt war. In der Schlussszene nähere sich z. B. im Gegensatz zum Roman Franziska Linkerhand ihrer vormaligen Antipode, ihrem Vorgesetzten Schafheutlin, an. Diese Kompromissbereitschaft stand im Einklang mit den Vorgaben der DEFA, nicht allein die Geschichte "einer frustrierten Frau" zu zeigen.

Dennoch zeigt der Film in Bild und Text auch Tristesse und Eintönigkeit der gleichförmigen Typenbauten in der Großwohnsiedlung. Der Kipperfahrer Trojanowicz wirft Franziska Linkerhand im fiktiven Neustadt vor, sie sei mitverantwortlich für diese „Siedlung von Fernsehhöhlen“. Der Film verlegt die Handlung von den 1960er Jahren in die Gegenwart der frühen 1980er Jahre, die von einer ähnlichen Problematik gekennzeichnet war. Darüber hinaus greift der Film ein neues Problem auf: Den Verfall der Altstädte. Wie Dr. Rüdiger Stutz aus dem Publikum anmerkte, wurde damit ein Grundproblem antizipiert, das die DDR-Gesellschaft noch bis 1989 beschäftigen sollte.