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24. Mai 2017

Nachruf auf Peter "Blase" Rösch

Peter Rösch (rechts im Bild) bei einer Wanderung mit der Jungen Gemeinde Stadtmitte Jena, Mai 1976 (ThürAZ, Sammlung Wolfgang Thalmann, Sign.: P-TW-F-046)

Nachruf auf Peter "Blase" Rösch
*15.10.1953 (Jena)
† 17.5.2017 (Berlin)

In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 2017 verstarb Peter "Blase" Rösch in Berlin. Wir trauern um ihn und möchten an einen Querdenker erinnern, für den das Aufgeben nie eine Option war.

Seit Beginn der 1970er Jahre war "Blase", der in Jena aufwuchs, in der Jungen Gemeinde (JG) Stadtmitte aktiv. Zu dieser Zeit machte er gerade seine Ausbildung zum Feinmechaniker. Im Rahmen der Offenen Arbeit der JG traf "Blase" auf andere unangepasste Jugendliche, die - wie er - lange Haare trugen, an dem Wochenenden zu Konzerten trampten und Möglichkeiten suchten, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten. In einem Lesekreis setzte er sich gemeinsam mit Matthias Domaschk und anderen Auszubildenden und Studenten unter anderem kritisch mit den Parteistatuten der SED auseinander.
Im Visier der Staatssicherheit war Peter Rösch bereits seit jungen Jahren. 1975 geriet der damals 22jährige erstmals in direkten Konflikt mit dem Staat. Bei einem Polizeieinsatz auf einer Verlobungsfeier in der Gartenstraße 7 wurden wegen "Ruhestörung" viele der Gäste festgenommen und gewaltsam auf das Volkspolizeikreisamt gebracht. Wegen "Verunglimpfung" der brutal agierenden Polizisten erhält "Blase" nicht nur eine Bewährungs- und eine Geldstrafe, sondern nach dem Entzug seines Personalausweises auch noch den sogenannten "PM 12", ein Ersatzausweis, der die ohnehin schon geringen Reisemöglichkeiten einschränkte und weitere zahlreiche Schikanen nach sich zog.

Trotz dieser Erfahrungen ließ sich Peter Rösch nicht einschüchtern. 1976 protestierte er gemeinsam mit anderen JG-Mitgliedern gegen die Zwangsausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Das Resultat: Eine erneute Verhaftung, die mit ermüdenden Verhören einherging. Dennoch blieb "Blase"seinen Prinzipien treu. Zur NVA einberufen, nahm er die Möglichkeit in Anspruch, seinen Dienst als waffenloser Bausoldat abzuleisten.
Obwohl mit dem Wehrersatzdienst weitere Diskriminierungen einhergingen, engagierte sich Peter Rösch nach seiner Entlassung in der staatsunabhängigen Friedensbewegung. Unter anderem beteiligte er sich an einer Unterschriftensammlung für die Einführung eines sozialen Friedensdienstes, organisierte 1981 die Teilnahme von Mitgliedern der JG Stadtmitte an einer Demonstration in Halle im Rahmen der Friedensdekade und arbeitete mit am "Aufruf zur Abrüstung in Ost und West".

Das Netzwerk oppositioneller Gruppen zu stärken war ein wichtiges Anliegen für "Blase". 1979/80 vernetzte er gemeinsam mit Jugenddiakon Lothar Rochau (Halle/Saale) Gruppen in unterschiedlichen Städten der DDR. Auch mit der Solidarnosc in Polen stand er in Kontakt, seit er 1979 im Rahmen eines Urlaubs mit Matthias Domaschk streikende Arbeiter auf der Werft in Danzig besucht hatte.

Eine wichtige Zäsur war für Peter Rösch der Tod seines Freundes Matthias "Matz" Domaschk im April 1981. Gemeinsam waren beide unter Vorwänden aus dem Zug heraus verhaftet und in die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Gera verbracht worden, wo "Matz" unter bis heute nicht vollständig aufgeklärten Umständen starb. Die Nachricht vom Tod des Freundes, die "Blase" erst Tage nach seiner Entlassung erreichte, war für ihn niederschmetternd. Zusätzlich zermürbt durch ständige Überwachung, Hausdurchsuchungen, erneute Verhaftung und Verhöre, aber auch den Hinweis des später als IM enttarnten Rechtsanwalts Wolfgang Vogel, er habe mit einem langen Gefängnisaufenthalt in der DDR zu rechnen, entschied er sich dazu, einen Ausreisantrag zu stellen.

1982 übersiedelte er nach West-Berlin, was aber nicht mit einem Aufgeben verbunden war. Auch vom Westen aus versuchte er gemeinsam mit anderen "Exiljenensern", in der DDR "etwas zu verändern und zu bewegen" (http://www.horch-und-guck.info/hug/archiv/2000-2003/sonderheft-1/sh0113/). Er unterstützte oppositionelle Gruppen in der DDR beim Schaffen einer 'Zweiten Öffentlichkeit', indem er Bücher, Info- und Druckmaterialien über die Grenze schmuggelte.
Darüber hinaus bereitete er eine Liste mit den Namen von über 100 politischen Gefangenen in der DDR vor, die Bundestags-Mitglied Petra Kelly (Die Grünen) im Oktober 1983 in Ost-Berlin Erich Honecker übergab.
Auch in seiner West-Berliner Zeit blieb Peter Rösch ein unbequemer Zeitgenosse für die SED. Im "kapitalistischen Westen" versuchte er, anhand von Vortragsreisen Öffentlichkeit für die Belange der Friedens- und Oppositionsgruppen in der DDR zu schaffen. Friedenspolitisch engagierte er sich, indem er in der AG Berlin- und Deutschlandpolitik der Alternativen Liste mitarbeitete und sich an der Aktion Persönliche Friedensverträge zwischen Ost und West beteiligte.

Nach 1990 gründete er in Ost-Berlin das "Bürgerkomitee 15. Januar" zur Auflösung des MfS mit und widmete sich ab 1992 als verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift "Horch und Guck" der Aufarbeitung der SED-Diktatur. 1995 gründete er die Geschichtswerkstatt in Jena mit.
Die Aufarbeitung des Todes von Matthias Domaschk ließ er bis heute nicht ruhen: Seit 2014 war er Mitglied der Arbeitsgemeinschaft zum Tod von Matthias Domaschk, die bei der Thüringer Staatskanzlei angesiedelt ist. Bis zuletzt setzte sich "Blase" dafür ein, das im SED-Staat erlebte Unrecht offen zu legen.

Noch im letzten Herbst besuchte "Blase" uns in Jena: Beim Gedenken an Matthias Domaschk im April, aber auch beim Jubiläum "30 Jahr Künstler für Andere - 25 Jahre ThürAZ" im Oktober konnten wir noch einmal persönlich mit ihm sprechen.

Wir trauern mit seinen Freunden und bleiben ihm in Gedanken verbunden!