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01. Juni 2017

Podium: "Die ham se sozusagen aus dem Busch geholt"* - Alltagsrassismus und Fremdenfeindlichkeit in der DDR

Vietnamesische VertragsarbeiterInnen warten am Flughafen Schönefeld auf ihren Rückflug aus der DDR, Berlin 1990 (Bundesarchiv, Bild 183-1990-0531-022 / Fotograf: Ralf Hirschberger)

Im Gegensatz zur von der SED propagierten Völkerfreundschaft war in der DDR eine staatliche Praxis gegenüber AusländerInnen zu beobachten, die als Segregationspolitik bezeichnet werden kann. Eine nachhaltige Integration von MigrantInnen in die Gesellschaft versuchte die SED aktiv zu verhindern: Gastarbeiter wurden in separaten Wohnheimen, oftmals außerhalb der Innenstädte, untergebracht; vietnamesische Vertragsarbeiterinnen, die während ihres Aufenthalts in der DDR schwanger wurden, wurden zurück in ihre Heimat geschickt.

Ob die praktizierte Abschottung, die Kontaktmöglichkeiten zwischen Einheimischen und MigrantInnen verhinderte, zur Entwicklung von Vorurteilen oder Fremdenfeindlichkeit beitrug, ist in der Forschung umstritten. Während einige Geschichts- und Sozialwissenschaftler davon ausgehen, dass die Separation ausländischer Vertragsarbeitskräfte zur Bildung von negativen Stereotypen und Gerüchten führte, bezweifeln andere, dass bessere Kontaktmöglichkeiten zum Abbau von Vorurteilen und Alltagsrassismus geführt hätten.
Eine Annahme der Forschung geht davon aus, dass die Intransparenz der SED-Ausländerpolitik die Aufklärung der Bevölkerung über Beweggründe und Bedingungen für den Aufenthalt der Zugewanderten verhinderte. Der Mangel an über Propaganda hinausgehende Informationen habe Raum für Mutmaßungen und Gerüchte geschaffen, was wiederum zur Bildung von Vorurteilen führen konnte. Ebenfalls diskussionswürdig ist die These, dass in der Spätphase der DDR die vom SED-Regime selektierten Austauschstudierenden, Kontrakt- und VertragsarbeiterInnen sowie PolitemigrantInnen aus anderen Ländern als Symbole für die SED-Herrschaft wahrgenommen und aus diesem Grunde von der Bevölkerung teilweise abgelehnt worden seien.

Die angesprochenen Erklärungsansätze für Fremdenfeindlichkeit in der DDR möchte das ThürAZ im Rahmen eines Podiums mit ExpertInnen zu dem Thema beleuchten und nach deren Stichhaltigkeit fragen. Die Spezifika der DDR im Umgang mit ausländischen Vertragsarbeitskräften sollen dabei berücksichtigt werden. Vor der Eröffnung des Podiums ist ein Impulsvortrag des Historikers Patrice G. Poutrus zum Thema „Fremdenfeindlichkeit in der DDR“ vorgesehen.

Die Veranstaltung ist Teil der Reihe des Thüringer Archivs für Zeitgeschichte "Matthias Domaschk" zum Thema "Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus in der DDR und in den neuen Bundesländern". Fördermittel stellt die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur bereit, Medienpartner ist der Offene Kanal Jena (OKJ).

 

*Schüle, Annegret: „Die ham se sozusagen aus dem Busch geholt.“ Die Wahrnehmung der Vertragsarbeitskräfte aus Schwarzafrika und Vietnam durch Deutsche im VEB Leipziger Baumwollspinnerei, in: Behrends, Jan C./Lindenberger, Thomas/Poutrus, Patrice G. (Hg.): Fremde und Fremd-Sein in der DDR. Zu historischen Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland, Berlin 2003, S. 283-298.

Podium "Die ham se sozusagen aus dem Busch geholt"* - Alltagsrassismus und Fremdenfeindlichkeit in der DDR


Donnerstag, 01.06.2017, 20.00 Uhr, Stadtmuseum Jena (Markt 7, 07743 Jena)

Referent: Dr. Patrice G. Poutrus (Mitglied des DFG-Netzwerkes Grundlagen der Flüchtlingsforschung)

Gäste: Dr. Ulrike Heß-Meining (Fakultät für Psychologie und Pädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München), Dr. Patrice G. Poutrus, Heiner Sandig (Theologe, CDU, Ausländerbeauftragter des Freistaats Sachsen 1992-2004)
Moderation: PD Dr. Annegret Schüle (Leiterin des Erinnerungsortes Topf & Söhne, Erfurt)

Entsprechend §6 Abs. 1 VersG sind Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, von den Veranstaltungen des Thüringer Archivs für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ ausgeschlossen.