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16. Dezember 2016

Bericht zum Podium "Schlepper, Schleuser, Fluchthelfer"

Dr. Burkhart Veigel, Dr. Marion Detjen, Dr. Fabian Georgi und Stefan Buchen (v. l. n. r.) im Gespräch in der Rathausdiele (Foto: Natalie Kämmerer-Haupt)

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Vorwärts – und nicht vergessen: Solidarität in der DDR“ setzte sich das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte mit dem Thema Fluchthilfe auseinander. Sowohl in ihrer Spezifik als Teil der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte, als auch in ihrer den politischen Diskurs in Europa determinierenden Aktualität, wurde sich dem Thema multiperspektivisch angenähert.

Als Moderator führte der Politikwissenschaftler Dr. Fabian Georgi, der sich wissenschaftlich mit der ambivalenten Wahrnehmung von Fluchthilfe beschäftigt, durch die Diskussion. Mit dem Arzt Dr. Burkhart Veigel konnte ein ehemaliger Fluchthelfer aus Westberlin als Zeitzeuge für die Diskussion gewonnen werden. Darüber hinaus diskutierten die Historikerin Dr. Marion Detjen und der Journalist und Schriftsteller Stefan Buchen mit. Sowohl Detjen in ihrer Dissertation „Ein Loch in der Mauer. Die Geschichte der Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961-1989“ (2005) als auch Buchen in seiner Publikation „Die neuen Staatsfeinde“ (2014) analysieren die Wandlung der öffentlichen Wahrnehmung und Bewertung des Phänomens Fluchthilfe.

Ausgehend von ihren Recherchen betonen Detjen und Buchen eine deutliche Wahrnehmungsverschiebung im Diskurs innerhalb der deutschen Öffentlichkeit und Politik. Aus historischer Perspektive heraus verortet Detjen die Zäsur in den Jahren 1963/64 mit der zunehmenden Kommerzialisierung der westdeutschen bzw. West-Berliner Fluchthilfe. Flankiert von einem lange Zeit von der DDR-Führung bewusst verfälscht dargestellten Todesfall eines Angehörigen der DDR-Grenztruppen wurde das Phänomen Fluchthilfe vor dem Hintergrund einer Neuorientierung der bundesrepublikanischen Ostpolitik kritisch wahrgenommen.

Buchen hingegen verweist in seinen Ausführungen v. a. auf die normative Ebene des Begriffes „Fluchthelfer“ bzw. „Schlepper“. Intendiert die Politik vordergründig den Schutz flüchtender Menschen vor Fluchthelfern, die diese Situation ausnutzen, um Menschen finanziell auszubeuten oder in die Prostitution zu pressen, so skizziert Buchen eine zweite Bedeutungsebene. Indem heutige Fluchthelfer Menschen die Möglichkeit anbieten, nationalstaatliche Grenzen illegal zu überwinden, stellt die Fluchthilfe einen Angriff auf das westliche Verständnis von Freiheit und Souveränität dar. Da diese die Grundlage der europäischen Definition von Nationalstaatlichkeit darstellt, ist, so argumentiert Buchen weiter, Fluchthilfe ein direkter Angriff auf das nationalstaatlich verfasste Europa.

Einen anderen Ansatz zur Erklärung des Wandels der hier diskutierten Begriffe lieferte der ehemalige Fluchthelfer Burkhart Veigel. Er betonte im besonderen Maße die potentielle Integration der geflüchteten Menschen. So besaßen Flüchtlinge aus der DDR zwar eine andere Staatsangehörigkeit, entstammten aber demselben Sprach- und Kulturkreis wie die westdeutsche Aufnahmegesellschaft. Im Unterschied zur aktuellen Situation, in der Veigel erhebliche Schwierigkeiten in den Bereichen Bildung und berufliche Qualifikation von Geflüchteten sieht, konnten ostdeutsche Flüchtlinge schneller als heutige integriert werden. Dies stelle, so Veigel, den wesentlichen Unterschied dar. Im gleichen Maße verwies er allerdings auf die dadurch deutlich werdende Ambivalenz zwischen einer moralischen Verpflichtung zur Hilfe und der konstitutiven Schwierigkeit der Integration.

Mit diesen drei Ansätzen wurde die der Bewertung von historischer und aktueller Fluchthilfe erschöpfend diskutiert. Einstimmig befürworteten die Podiumsteilnehmer die Möglichkeit eines Vergleichs der Phänomene, da dieser nutzbare Ergebnisse aufzeigen könne. Neben der einhelligen Meinung zur moralischen Verpflichtung zur Hilfe damals und heute könnten so die verschiedenen Bedeutungsebenen des Phänomens deutlicher herausgearbeitet werden. Dies könne schließlich die Grundlage eines sachlich und weniger ideologisch geführten Diskurses über eine neue Flüchtlingspolitik darstellen.


Christian Hermann