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16. November 2016

Bericht zum Stadtrundgang "1989: Die Ereignisse in Jena" am 9. November 2016

TeilnehmerInnen verlasen Aussagen damaliger Akteure der Friedlichen Revolution in Jena.

Wie kaum ein anderes Datum spiegelt der 9. November die Ambivalenz deutscher Geschichte wider. Mahnt uns der 9. November 1938, das dunkelste Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte nicht zu vergessen, so steht der 9. November 1989 für die friedliche Überwindung einer Diktatur.
Am vergangenen Mittwoch jährte sich der „Schicksalstag der Deutschen“ erneut. Wie jedes Jahr wurde in Jena der Opfer des nationalsozialistischen Wahns gedacht. Erstmals hingegen demonstrierte die neonazistische „Thügida“-Bewegung anlässlich dieses Tages in Jena, um auf ihre Weise, so suggerierte es die Anmeldung, an den Mauerfall und den „Wende“-Herbst 1989 zu erinnern. Dieser plumpen Instrumentalisierung der Historie stellten sich große Teile der Zivilgesellschaft in Jena entgegen.


Das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ (ThürAZ) bot an diesen Tag interessierten BürgerInnen einen geschichtlichen Rundgang zur Friedlichen Revolution in Jena an. An authentischen Orten der Stadt und durch historische Fotos wurde das „annus mirabilis“ 1989 im städtischen Raum nachgezeichnet. Auch die Ängste sowie die Forderungen, Hoffnungen und Wünsche der DDR-BürgerInnen fanden durch von den Teilnehmern verlesene Aussagen der damaligen Jenaer Akteure ihren Ausdruck.

Nach einer kurzen Begrüßung am Jenaer Rathaus bildete die Stadtkirche St. Michael die erste Station des Rundgangs. Der spätgotische Sakralbau im Herzen der Stadt bildete eines der Zentren der Friedlichen Revolution in Jena. Versammelten sich hier doch ab dem 8. Oktober 1989 zunächst täglich, später wöchentlich Menschen zum Friedensgebet. Aus diesem heraus formierten sich die ersten Demonstrationszüge, die zunächst zaghaft, bald aber selbstbewusst Freiheit und demokratische Grundrechte einforderten. Als ein emanzipatorischer Akt der Wiederherstellung von Meinungsfreiheit und –pluralismus nimmt der 15. Oktober 1989 einen besonderen Stellenwert im Verlauf der Friedlichen Revolution in Jena ein. An diesem Tag stellten sich die neuen Bürgerbewegungen und Parteien (u.a. Neues Forum, Demokratischer Aufbruch, Demokratie Jetzt und die sozialdemokratische Partei in der DDR, SDP) der Jenaer Zivilgesellschaft vor. Aus dieser heraus fanden viele Menschen den Mut, ihre Forderungen und Ängste zu artikulieren und dabei unter Nennung ihrer Namen und Adressen aus der Anonymität herauszutreten.
Eine der zentralen Forderungen in Jena war die Aufarbeitung der Fälschung der Wahlergebnisse der Kommunalwahl vom Mai 1989 sowie die Abwicklung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Die konkreten Methoden der Wahlmanipulation und deren Aufdeckung mittels Teilhabe an den Stimmauszählungen durch couragierte BürgerInnen war Themenschwerpunkt unseres zweiten Halts. Inmitten des Gebäudekomplexes der Stadtverwaltung und in Sichtweite der ehemaligen Anger-Schule (1989: Johannes-R.-Becher-Schule) wurde die Kommunalwahl als ein wesentlicher Punkt der Delegitimation des SED-Regimes hervorgehoben und gleichzeitig das wachsende Bewusstsein für die Notwendigkeit von Reformen in weiten Teilen der DDR-Bevölkerung unterstrichen.

Das gewachsene Selbstbewusstsein der Menschen symbolisierte kaum ein Vorgang stärker als die Besetzung der MfS-Verwaltungen. Ausgehend von Erfurt wurden die Gebäude der Geheimpolizei gestürmt und das „Schwert und Schild“ der Partei faktisch aufgelöst. Am Denkmal für die Opfer der kommunistischen Diktatur wurde die Besetzung der (inzwischen abgerissenen) Jenaer MfS-Kreisdienststelle in der Nacht vom 4. auf den 5. Dezember 1989 rekapituliert.

Der Mauerfall am 9. November 1989 stellt eine vergleichbare Zäsur dar, nimmt aber einen ungleich höheren Stellenwert in der kollektiven deutschen Erinnerung ein. An diesem Tag erfüllte sich für viele Protestierende in der DDR eine ihrer Hauptforderungen. Nach der faktischen Grenzöffnung reisten viele von ihnen zum ersten Mal in die BRD oder nach Westberlin. Die dazu benötigten bürokratischen Verfahren sorgten auch in Jena für lange Schlangen bei der Volkspolizei und den Behörden des Rates des Kreises Jena-Stadt. Sinnbildlich für den 9. November in Jena war der Löbdergraben 30 als ehemaliger Sitz der Abteilung Inneres des Rates der Stadt Jena die vierte Station unseres Stadtrundgangs. Verlesene Aussagen von Zeitzeugen und Erinnerungen von TeilnehmerInnen vergegenwärtigten die Freude über diesen Tag. Gleichzeitig wurde darauf verwiesen, dass die Intention der SED, mit der Erfüllung einer Forderung die Demonstrierenden zu „spalten“, partiell aufgegangen war. Der Vorgang lässt sich auch in Jena anhand der Teilnehmerzahlen zu den beiden großen Demonstrationen am 4. November und am 26. November illustrieren.
Dieser Punkt wurde an unserer vorletzten Station des Rundgangs, dem Eichplatz (dem damaligen Platz der Kosmonauten) erneut aufgegriffen. Mit den Forderungen von Seiten der Demonstrierenden zur Aufarbeitung der Wahlfälschung und zur Zulassung der neuen Bürgerbewegungen und Parteien wurden zudem Kontinuitätslinien des Jahres 1989 betont. Neben der Adaption DDR-weiter Topoi spielten darüber hinaus dringende lokale Konflikte (v.a. im Gesundheitswesen und Versorgung) eine wichtige Rolle im öffentlich ausgetragenen Diskurs.

Der Weg zur Erarbeitung von Lösungsvorschlägen zwischen gleichberechtigten Akteuren wurde an unserem letzten Halt vorgestellt. Die Übergabe eines Forderungskatalogs an den damaligen Oberbürgermeister Hans Span, die Durchführung eines „Bürgerforums“ (die Demonstration am 4. November 1989) führte schließlich zur Einberufung des ersten Runden Tisch-Gespräches am 1. Dezember. Diese Gespräche wurden bis März 1990 fortgesetzt und fanden im Jenaer Rathaus statt.
Damit endete der Stadtrundgang an seinem Startpunkt und schloss gleichzeitig die Darstellung der Revolution in Jena 1989/90 im Vorfeld der ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR am 18. März 1990 ab.

Christian Hermann