Thomas Grund

Geboren 1953, Abschluss 10. Klasse bestanden. Das hatte weder mit den pädagogischen Höchstleistungen meiner Lehrer wie Ohrläppchen einreißen, Haare ziehen oder die Treppen hinunter schubsen, noch mit dem dicken Gummischlauch meines Vaters zu tun, sondern – heute bin ich mir sicher – mit meinem Willen, da durchzukommen. Danach Lehre als Glasbläser, immer kurz vor'm Rausschmiss, denn wer die vorgegebene Haarlänge nicht einhielt oder dem Staatsbürgerkundelehrer nicht glaubte, dass wir den Westen überholen ohne ihn einzuholen, hatte nichts anderes zu erwarten.

 

Im Frühjahr 1971 – ich war noch in der Lehre und nicht ganz 18 – saß ich mit ein paar Kumpels in einer der zwei Kneipen, in der Langhaarige in Jena noch bedient wurden. Einer erzählte, dass es da einen Laden, eine Junge Gemeinde geben soll, von der Kirche, wo es Bier und Bräute gibt und alle akzeptiert werden, egal wie man aussieht. Wir gingen hin, ein Raum voll Langhaariger, Beatmusik vom Feinsten und Bier und Bräute natürlich. Ein zugewachsener Typ kam auf mich zu, stellte sich als Verantwortlicher vor, wir griffen uns ein Bier und setzten uns still in eine Ecke. An diesem Abend gab es eine Diskussionsrunde zum Thema: Spießer und lange Haare. Es war ein Gespräch über meine Situation in dieser Gesellschaft und faszinierte mich, auch wenn ich noch nicht mitreden konnte. Doch gab es seitdem bis 1990 keinen offenen Tag mehr ohne mich in dieser JG (die dann später Offene Arbeit genannt wurde). Ich wuchs in die Gruppe hinein, übernahm Verantwortung, weil sie mir übertragen wurde und mich stolz machte. Das prägte seitdem mein weiteres Leben. Musik und die dazugehörige Kultur war schon immer eins der wichtigen Themen in dieser Offenen Arbeit.

 

Zur Kultur kam die soziale Komponente, daraus entwickelte sich ein soziales Engagement. Es ging nicht mehr um mich, sondern um uns. Doch dazu fehlte das Wissen. Also kam 1981 eine Ausbildung, die einzig machbare für mich – Burckhardthaus in Berlin. Doch auch hier blieb ich der Praktiker, der die frommen Pastorenfrauen am Abend in die Szenekneipen schleifte. Der Praktiker bin ich geblieben – bis heute. Und spätestens seit '72 wusste ich, dass in diesem Lande das nötig war, was wir heute unter Sozialarbeit verstehen, und da hat sich ja auch bis heute nichts daran geändert.

 

1981 schmiss ich den Job bei Schott & Genossen und wurde 1982 im Januar beim Kreiskirchenamt im Außendienst als Kirchensteuerkassierer angestellt. In den 80er Jahren gründete ich mit anderen Mitstreitern aus der Offenen Arbeit einige Initiativgruppen, wie „Künstler für Andere“, den „Leseladen“ und „hinterhofproduction“. Diese Inititivgruppen waren ein Versuch, den vorgeschriebenen, nichtssagenden und voreingenommenen DDR-Propagandaveranstaltungen etwas Eigenes entgegen zu setzen. Solidarität bedeutete für mich – damals wie heute – etwas zu tun gegen Diskriminierung und Ausgrenzung, gegen Vereinsamung und gegen Vermassung, gegen die typisch faschistisch/stalinistischen Herrschaftsprinzipien.

 

„Künstler für Andere“ war ein Versuch, analog der Gruppen in Halle und Berlin, Solidarität auch im eigenen Land zu praktizieren, etwas für die vom DDR-Regime ausgegrenzten und diskriminierten Menschen und Gruppen zu tun. Der Leseladen und hinterhofproduction waren und sind Versuche, selbstgestaltend Wissen und Kultur zu fördern.

 

Seit März 1991 bin ich beim Jugendamt in Jena als Streetworker im Neubaugebiet Winzerla angestellt. Die Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe, und die in die heutige Zeit geretteten Ideale prägen natürlich meine Arbeit. Ich bin immer noch auf der Suche nach Möglichkeiten und Wegen, ebenso wie die Jugendlichen, die mir begegnen. „Offen“ bedeutet für mich offen sein und bleiben für die Kinder und Jugendlichen, für Wege, die nicht alltäglich sind, für pragmatische, der Situation angemessene, und vor allem solidarische Lösungen. Und wenn Bestimmungen dies verhindern, muss ich sie auch in Zukunft umgehen oder ignorieren – oder verändern!

Fotos

Thomas Grund (making of) [Quelle: ThürAZ, Sammlung Thomas Grund, Urheber: Henning Pietzsch].
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