Netzwerk der Opposition

Die Veranstaltungsreihe „Künstler für Andere“ wird 1986 aus einem Freundeskreis heraus begründet. Beteiligt sind zu diesem Zeitpunkt Martina Arndt, Petra Grund, Thomas Grund, Carsten Hahn, Andreas Ilse und Henning Pietzsch. Allen gemeinsam ist die Einbindung in subkulturelle Netzwerke Jenas, wie die Offene Arbeit in der Jungen Gemeinde (JG) Stadtmitte. Zugleich sind sie zum Teil schon seit Mitte der 1970er Jahre in verschiedenen Gruppen der Opposition in der SED-Diktatur engagiert, so etwa in der Jenaer Unabhängigen Friedensgemeinschaft oder bei der Unterstützung von Waffendienstverweigerern.

In Bezug auf die Organisation der Veranstaltungsreihe bestehen Kontakte zu Gruppen und Personen, die ähnliche Reihen organisieren. So unterstützt Gerold Hildebrand, selbst aktiv in der Berliner Gruppe „Künstler in Aktion gegen den Hunger in Afrika“, die Vorbereitungen mit Hinweisen zur Solidaritätsarbeit des INKOTA-Netzwerkes und den Möglichkeiten, sich in die Arbeit des Netzwerkes einzubringen. Hildebrand lebte von 1976 bis 1982 in Jena und war sowohl in der Offenen Arbeit als auch der Jenaer Unabhängigen Friedensgemeinschaft aktiv. Seit 1982 lebt er in Ost-Berlin.

Unmittelbar zum Tragen kommen die Kontakte in der Planung und Durchführung von Veranstaltungen. Neben den Anfragen an zunächst „nur“ durch ihre Arbeiten bekannte KünstlerInnen werden auch Akteure aus dem Bekannten- und erweiterten Freundeskreis angefragt. Das Netzwerk der Offenen Arbeit spielt dabei eine wesentliche Rolle: Hier ist z. B. die Wohngemeinschaft körperlich bzw. geistig beeinträchtigter und nicht beeinträchtigter Menschen in Hartroda bei Gera eingebunden. Insbesondere besteht der Kontakt zu Matthias Vernaldi. Mit dessen Hörspiel-Text „Dorftanz oder Mein Hund starb wie Christus“ findet dann im Februar 1989 eine szenische Lesung in der Reihe „Künstler für Andere“ statt. Eine erste Aufführung des Textes hatte die Geraer Dramaturgin Gabriele Tügend 1988 im Rahmen der Ökumenischen Versammlung in Dresden organisiert.

Auch als Gruppe wird „Künstler für Andere“ Teil des DDR-weiten Netzwerkes der Opposition. Bereits vor der eigentlichen Gründung besteht eine erste Anfrage von Ulrich Töpfer zur Vernetzung. Töpfer, Diakon in Meiningen und aktiv in der kirchlichen Friedensbewegung, bittet die Gruppe über Carsten Hahn um Mitarbeit in der Vorbereitung eines Arbeitskreises zu Menschenrechtsfragen und der 2/3-Welt im Rahmen des Kirchentages 1988 in Erfurt. Neben der Einbindung von „Künstler für Andere“ ist eine weitere Jenaer 2/3-Weltgruppe beteiligt: die Nicaraguagruppe „El Camino“, vertreten durch den Theologiestudenten Christoph Matschie.

Unter anderem in der Vorbereitung des Arbeitskreises wird schnell deutlich, dass aus der Wahrnehmung und der Bewertung von Menschenrechtsverletzungen in Osteuropa, inklusive der DDR und der 2/3-Welt, unterschiedliche Handlungsoptionen abgeleitet werden. Vor dem Hintergrund einer Polarisierung zwischen 2/3-Weltgruppen mit dem ausschließlichen Fokus der Arbeit auf die 2/3-Welt und den Gruppen der Opposition in der SED-Diktatur verfolgt „Künstler für Andere“ den Ansatz der Verknüpfung beider Schwerpunkte. Die Gruppe unterstützt mit ihren Veranstaltungen die Förderung solidarischen Handelns und der Hilfe zur Selbsthilfe sowohl in der 2/3-Welt als auch in der DDR.

Eine Vernetzung von „Künstler für Andere“ mit den Gruppen der Opposition in der SED-Diktatur erfolgt auch über das Seminar und Netzwerk „Frieden konkret“. Das Seminar führte ab 1983 jährlich bis zu 200 Gruppen der Opposition zusammen und bildete einen Diskussionsort über das gemeinsame Selbstverständnis in der Auseinandersetzung mit der Diktatur.

Quellen

Gerold Hildebrand, Hinweise zur Vernetzung und Unterstützung durch das INKOTA-Netzwerk, Berlin 09.11.1986, Bl. 1/2
Ders., Bl. 2/2
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