Aktuelles
3. Februar 2011
Schwere Aufgaben warten auf Roland Jahn
Das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ gratuliert Roland Jahn zur Wahl zum neuen Beauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR!
Anlässlich der Wahl von Roland Jahn zum neuen Beauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR erklären das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ (ThürAZ) und der Trägerverein Künstler für Andere e.V.:
Wir begrüßen die Wahl von Roland Jahn durch die große Mehrheit des deutschen Bundestages. Mit Roland Jahn wurde eine Persönlichkeit gewählt, die durch Mut und konsequentes Handeln sowohl in der SED-Diktatur als auch nach der Ausbürgerung aus der DDR die öffentliche Auseinandersetzung mit der Diktatur wesentlich geprägt hat. Als wichtige Stimme in der bisherigen Aufarbeitung der SED-Diktatur ist Roland Jahn prädestiniert für diese Aufgabe. Wir gratulieren ihm und wünschen ihm Kraft und Durchsetzungsvermögen in seinem Amt.
In den kommenden Jahren werden wichtige Weichenstellungen für die Fortführung der Unterlagenbehörde und damit der weiteren Aufarbeitung der DDR-Geschichte erfolgen. ImBesonderen werden zwei Probleme zu lösen sein:
- Derzeit besteht die Tendenz, Außenstellen der Behörde zu schließen und die Arbeit an wenigen Orten, meist Landeshauptstädten, zusammenzufassen. Dies hat negative Folgen: Die Außenstellen sind wichtige Teile im Netzwerk der jeweiligen Aufarbeitungslandschaft vor Ort. Mit ihrer Schließung fehlen wichtige Bildungsangebote gemeinsam mit den lokalen Aufarbeitungsinitiativen und Bildungsträgern. Auch die Akteneinsicht wird erschwert, da die Zusammenlegung mit Personalabbau einhergeht, und - selbst wenn Anlaufstellen im Einzelfall verbleiben - die Akten schwerer recherchierbar werden und über weitere Entfernungen transportiert werden müssen. Leidtragende dabei sind die Betroffenen, die zunehmend älter werden und weniger lange Wege zurücklegen können, Forscher/innen, deren Kontakte abbrechen, und neue Antragsteller/innen, deren bürokratische Wege und Bearbeitungszeiten sich verlängern. Wir erwarten, dass sich Roland Jahn einer weiteren Schließung von Außenstellen widersetzt. Als zwingend erweist sich darüber hinaus, den weiteren Stellenabbau zu stoppen. Es ist dringend notwendig, die Beschäftigten fachlich und psychologisch weiterzubilden, damit sie den Betroffenen nicht nur funktional sondern auch empathisch beratend zur Seite stehen können, was zur Zeit nicht immer möglich ist. In der konkreten Arbeit der Behörde muss der weitere Aktenzugang durch öffentlich verfügbare Findbücher erleichtert und die bisher weniger beachteten Bestände erschlossen werden.
- In der Amtszeit von Roland Jahn wird über die Zukunft der Behörde entschieden werden. Es gibt Befürworter, welche die Akten des ehemaligen MfS dem Bundesarchiv übergeben wollen. Dies hätte stark einschränkende Folgen für ihre Zugänglichkeit. Mit dem Stasiunterlagengesetz hat die Bevölkerung der ehemaligen DDR sich einen in der deutschen Geschichte einmaligen Zugang zu den Akten der sie überwachenden Geheimpolizei erkämpft. Dies ist zugleich vorbildhaft für die ehemaligen kommunistischen Diktaturen Osteuropas. Dieser Aktenzugang muss erhalten bleiben.
Wir hoffen, dass sich Roland Jahn zu diesen Themen rasch und vernehmbar äußern wird. Er hat mit seiner Biographie, mit seinem Eintreten und seiner Empathie für die Betroffenen, seinem journalistischen Engagement und seiner erst kürzlich betonten Offenheit für die unterschiedlichen Biographien in der DDR sowohl das Wissen als auch die Glaubwürdigkeit, hier nachhaltig Zeichen zu setzen. Das ThürAZ wird hier als langjähriger Träger der Aufarbeitung auch weiterhin ein Ansprechpartner sein.

