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Thüringer Archiv für Zeitgeschichte (ThürAZ)

Hausanschrift:
Camsdorfer Ufer 17
Jena 07749

Tel.: +49 (0)3641 228605
Fax: +49 (0)3641 229743

Öffnungszeiten:
Di 9-15 / Do 9-18
u.n. Absprache

 
 

Aktuelles

 

22. April 2010

Jahresbericht des ThürAZ für 2009

Das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ (ThürAZ) legt hiermit den Jahresbericht für das Jahr 2009 vor. Er soll anhand der Ergebnisse für den Berichtszeitraum einen Überblick zur Arbeit des ThürAZ geben. Die folgenden Ausführungen widmen sich jeweils den Bereichen Archiv, Forschung und Bildung. Diese drei Säulen bilden die Grundlage der Arbeit des Archivs.
Ausdrücklich möchten wir an dieser Stelle allen Förderern danken: dem Freistaat Thüringen, der Stadt Jena, der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, den Stadtwerken Jena-Pößneck und der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

 

1. Allgemeines

Das ThürAZ verfügte dank der Förderung durch den Freistaat Thüringen im Jahr 2009 über eine Personalstelle samt Miet- und Betriebskostenzuschuss. Die Stadt Jena steuerte die Hälfte der Miet- und Betriebskosten bei. Damit konnten die laufende Benutzerbetreuung und die Archivverzeichnung. Mit dieser Stelle war und ist es nur in begrenztem Umfang möglich, die Tätigkeiten des archivischen Geschäftsgangs, die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit sowie die Geschäftsführung, insbesondere die Projektentwicklung, -beantragung, -dokumentation und -abrechnung, umzusetzen. Ca. 60% der im Archiv geleisteten Arbeiten wurden daher in ehrenamtlicher Tätigkeit ausgeführt.
Aufgrund der Abrißpläne für das Gebäude „Am Rähmen 3“ mußte das ThürAZ im Dezember 2008 umziehen. Schwierigkeiten entstanden, da die Räume zu diesem Zeitpunkt nicht fertig renoviert waren. Auch die Vorbereitung des Umzugs, seine Organisation, die Aktivierung ehrenamtlicher HelferInnen und die Wiedereinrichtung der neuen Räume bzw. Infrastruktur sowie die finanzielle Absicherung waren aufgrund dessen, dass im Archiv nur eine Stelle vorhanden ist, nur mit überdurchschnittlichem ehrenamtlichen Engagement zu bewältigen. Während der Monate Januar bis März wurden in den neuen Räumen weitere Renovierungsarbeiten durchgeführt, so dass sich die Neueinrichtung verzögert und die reguläre Arbeit erst im zweiten Quartal 2009 wieder anlaufen konnte.

 

2. Archiv

2.1 Bestandsaufbau Archiv
Im Berichtszeitraum 2009 konnten folgende neue Bestände eingeworben werden:

Anonym (1978)                                    0,01 lfm.
AuZ (2009)                                            0,02 lfm.
Helga Börold (1945)                           0,01 lfm.
Thomas Grund (1970-2007)             0,1 lfm.
Baldur Haase (1989)                          0,01 lfm.
Dorothea Höck (1976-89)                  0,01 lfm.
Armin Huber (1989-1991)                  0,7 lfm.
Oliver Kloss (1992-2009)                   0,05 lfm.
Christoph Neumann (1930-2009)    5,0 lfm.
Christian Pätzold (1989-1990)          0,01 lfm.
Nina Schlegel (1989)                          0,1 lfm.
Anne Stiebritz (1972-1989)                0,1 lfm.

Im archivischen Bereich wurde eine Revision der Bestände durchgeführt, zu Einwerbungen aus dem Vorjahr wurden Übergabelisten gefertigt. Aufgrund fehlender Ressourcen konnten nur vereinzelt biographische Interviews geführt werden.

2.2 Dienst- und Handbibliothek
Einige Publikationen konnten als Sachspenden in das Archiv übernommen werden. Wir danken:
- Tobias Kaiser
- Rayk Einax
- Baldur Haase
Aufgrund fehlender Finanzmittel konnten jedoch auch in diesem Berichtszeitraum nur einzelne Neuerscheinungen erworben werden. Für die Arbeitsfähigkeit des Archivs besteht hier dringender Handlungsbedarf.

2.3 Infrastruktur
Bis auf die website (s.a. Projekte) konnten aufgrund fehlender Haushaltsmittel keine Investitionen in die Infrastruktur erfolgen.

2.4 Benutzung des Archivs 2009
Im Jahr 2009 ist mit 242 Archivnutzungen ein Anstieg der Nutzungen auf das Doppelte gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen.
Themenschwerpunkte der Benutzung waren: Unterschied von Demokratie und Diktatur, MfS-Untersuchungshaft, Kinderheime, Jugendwerkhöfe, Widerstand und Opposition in den 70er und 80er Jahren, Literarische DDR-Opposition, Samisdat, Friedensbewegung, Offene Arbeit, Studentengemeinden, Subkultur, Blues in Thüringen, Bedingungsgefüge des Sports, Friedliche Revolution in Jena, in Thüringen, in der DDR, Dritter Weg, Runde Tische, Thüringer Landesgründung 1989/90, Isolierungslager, Freie Presse 1989/90, Universitäts- und Studierendengeschichte, Generationelle Dynamik.

2.5.  Publikationen, Ausstellungen und mediale Darstellungen auf der Grundlage der im ThürAZ verwahrten Quellen
Für folgende 2009 erschienene Publikationen, Ausstellungen und Filme wurden Quellen aus den Beständen des ThürAZ genutzt (Auswahlliste):

  1. Agnes Arp/Annette Leo (Hg.): Mein Land verschwand so schnell… 16 Lebensgeschichten und die Wende 1989/90, Weimar 2009.
  2. Rayk Einax: Anlaufschwierigkeiten. Der StuRa der FSU Jena und seine überregionale Interessenvertretung in der Anfangsphase (1989-1991), in: Robert Gramsch/Tobias Kaiser im Auftrag des Studierendenrates der FSU Jena unter Mitarbeit von Hans-Peter Schmit und einem Vorwort von Lutz Niethammer (Hg.): Engagement und Ernüchterung. Jenaer Studenten 1988 bis 1995, Jena 2009, S. 163-173.
  3. Freiheit e.V.: Ausstellung "Von Liebe und Zorn. Jungsein in der Diktatur", Erfurt, Jena 2009.
  4. Nina Gühlstorff/Dorothea Schroeder: Der Dritte Weg. Eine theatrale Demonstration, Dokumentartheaterprojekt des Theaterhauses Jena, basierend auf Interviews mit Demonstranten von 89, Jena 2009.
  5. Anne Hahn: Pogo im Bratwurstland. Punk in Thüringen, Erfurt 2009.
  6. Christina Hartung: Vom gemeinsamen Suchen, Gestalten und Erleben. Die politische Hochschulgruppe „Studentische Linke“ (SL) in Jena (1990-1995), in: Robert Gramsch/Tobias Kaiser im Auftrag des Studierendenrates der FSU Jena unter Mitarbeit von Hans-Peter Schmit und einem Vorwort von Lutz Niethammer (Hg.): Engagement und Ernüchterung. Jenaer Studenten 1988 bis 1995, Jena 2009, S. 109-132.
  7. Hessisches Hauptstaatsarchiv (Hg.): Hessen und Thüringen – Nachbarn und Partner. Begleitheft, ergänzender Beitrag zur Ausstellung „20 Jahre friedliche Revolution und deutsche Einheit“, Gießen 2009.
  8. Martin-Luther-King-Zentrum Werdau: Ausstellung „Pressefreiheit“, Werdau 2009.
  9. Hans-Werner Kreidner: Wendezeiten. Jena/Erfurt 2009.
  10. Katharina Lenski: Zwischen System und Solidarität: „Ambulancia – ein Krankenwagen für Nikaragua“. Studierende und Staatssicherheit im letzten Jahr der DDR, in: Robert Gramsch/Tobias Kaiser im Auftrag des Studierendenrates der FSU Jena unter Mitarbeit von Hans-Peter Schmit und einem Vorwort von Lutz Niethammer (Hg.): Engagement und Ernüchterung. Jenaer Studenten 1988 bis 1995, Jena 2009, S. 47-75.
  11. Reiner Merker: Handlungsfeld Öffentlichkeit. Opposition in den 70er/80er Jahren in Gera, in: Leonore Ansorg u.a. (Hg.): "Das Land ist still - noch!" : Herrschaftswandel und politische     Gegnerschaft in der DDR (1971 - 1989) /Köln/Weimar/Wien 2009, S249-265.
  12. Reiner Merker (Hg.): Archiv-Forschung-Bildung. Fünfzehn Jahre Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“, Berlin 2009.
  13. Heinz Mestrup: Die Runden Tische: LZT, 2009.
  14. Senatskommission zur Aufarbeitung der Jenaer Universitätsgeschichte im 20. Jahrhundert (Hg.): Traditionen – Brüche- Wandlungen. Die Universität Jena 1850-1995, Köln/Weimar/Wien 2009.
  15. Stadtmuseum Saalfeld: Ausstellung „Wendezeiten“. Saalfeld, Erfurt 2009.
  16. Stadtmuseum Jena: Ausstellung „Gesichter des Herbstes 89“, Jena 2009.

 

3. Öffentlichkeitsarbeit

3.1 Internetpräsenz des ThürAZ
Die Internetpräsenz des ThürAZ dient neben der Information zu den im ThürAZ befindlichen Beständen der Veröffentlichung von Fachinformationen aus der archivischen Arbeit sowie den Angeboten der Bildungsarbeit. Darüber hinaus finden sich hier auch Beiträge des ThürAZ zu Fragen der Diskussion um die Zukunft der Aufarbeitungslandschaft zur Geschichte der SED-Diktatur. Die Internetpräsenz wurde 2009 überarbeitet (siehe 4.6.).

Für die Website des ThürAZ sind für den Zeitraum 2009 steigende Zugriffszahlen zu verzeichnen:

Zugriffsstatistik www.thueraz.de 2009

Monat    Besuche    Seiten
Januar           932    1327
Februar         894    1350
März            1028    1606
April             1142    1609
Mai               1051    1507
Juni              1118    1533
Juli               1067    1751
August         1080    2556
September   1373    4917
Oktober        1817    4151
November    1761    7322
Dezember    2899    9183

3.2 Führungen durch das Archiv
Neben den Benutzereinführungen wurden im Jahr 2009 laufend Führungen (Schwerpunkte methodisch und thematisch) für Interessierte, Studierende, WissenschaftlerInnen und ZeitzeugInnen veranstaltet. Aus aktuellem Anlaß wurden Themen um die Friedliche Revolution sowie der Verständigung mit osteuropäischen oppositionellen Gruppen gewählt. Die Führungen beinhalteten immer Einführungen zur Quellenkunde, zum Bestandsaufbau und exemplarische Erörterungen zum Kontext der Überlieferungen.

3.3 Veranstaltungen und Vorträge

3.3.1. Eröffnung des ThürAZ
Im April konnte das Archiv nach dem Umzug wiedereröffnet werden. Mit diesem Start gelang es, öffentliche sowie mediale Aufmerksamkeit auf das ThürAZ zu lenken und die besser ausgestatteten Räume mit den verschiedenen Angeboten vorzustellen.

3.3.2. Vortragsreihe in Erfurt und Jena
Im Jahr 2009 konnten in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Zeitgeschichte Erfurt und der BStU erstmals die Reihe "Forschungen aus dem Thüringer Archiv für Zeitgeschichte" mit sechs Vorträgen durchgeführt werden, die u. a. auf von im ThürAZ verwahrten Quellen basierten. Sie wurden in Erfurt (Kleine Synagoge) und Jena (ThürAZ) veranstaltet. Im Durchschnitt nahmen in Erfurt ca. 30, in Jena etwa 20 BesucherInnen teil.

Die Themen im Einzelnen

  • Udo Grashoff: Schwarzwohnen in der DDR
  • Reiner Merker: Die Wirkung einer Samisdat-Publikation: Zur Auseinandersetzung mit dem  Uranbergbau der SDAG Wismut Ende der 80er Jahre
  • Katharina Lenski: Universität zwischen Schaubühne und Geheimhaltung: Die FSU von 1968 bis 1989
  • Eckart Schörle: Lachen: Der politische Witz in der DDR
  • Annette Leo und Studierende: Mein Land verschwand so schnell wie kein anderes Land – Thüringer Lebensgeschichten und die Wende 1989/90
  • Anne Stiebritz: "Offene Arbeit".

3.3.3. Enthüllung einer Gedenktafel und Gedenkveranstaltung für Jürgen Fuchs
Am 8. November 2009 wurde in Jena am Haus Lutherstraße 25 von der Stadt Jena eine Gedenktafel für Jürgen Fuchs enthüllt. Jürgen Fuchs wohnte hier während seines Studiums der Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universität gemeinsam mit seiner Frau Lilo in der Zeit von 1972 bis 1975.
Die Stadt Jena gedenkt mit diesen Tafeln Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Literatur und Politik, die mit Jena biographisch verbunden sind. Sie studierten, lebten und arbeiteten in dieser Stadt. Die Tafeln markieren die Stellen ihres Wirkens und Aufenthaltes in Jena. Somit entsteht ein Netzwerk für das kulturelle Gedächtnis der Stadt, das konkret verortet ist. Jürgen Fuchs ist nun ein Teil davon geworden. 
Jürgen Fuchs studierte von 1971 bis 1975 an der Friedrich-Schiller-Universität das Fach Sozialpsychologie. Diese Zeit war eine wichtige literarische und politische Phase in seinem Leben, Gedichte und Texte u. a. in seinen „Gedächtnisprotokollen“ zeichnen sich durch diesen Jenabezug aus. Er stand über den Arbeitskreis Literatur und Lyrik mit Lutz Rathenow im engen Kontakt und trat gemeinsam mit Bettina Wegner und Gerulf Pannach auf. Seine Bemühungen um Meinungsfreiheit führten jedoch dazu, dass er kurz darauf aus der SED ausgeschlossen und kurz vor Studienabschluss im Juni 1975 exmatrikuliert wurde.
Die Idee zu dieser Gedenktafel, im Umkreis des Thüringer Archivs für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ entstanden, wurde vom Kulturausschuss des Stadtrates aufgegriffen und beschlossen. Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter wies seitens der Stadt bei der Enthüllung der Tafel darauf hin, sich durch solch eine Tafel im Straßenraum eingeladen zu fühlen, dem Wirken von Jürgen Fuchs in Jena nachzugehen. Es sei wichtig für das aktuelle städtische Selbstverständnis, sich dem offenen Eintreten von Jürgen Fuchs für Menschen- und Bürgerrechte in der DDR-Diktatur bewusst zu sein. Das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ hat die Enthüllung mit einer Gedenkveranstaltung in seinen Räumen begleitet, auf der Lilo Fuchs, WeggefährtInnen, Freunde und Studenten Texte von ihm vortrugen. In einem intensiven und sehr persönlichen Gespräch wurde deutlich, wie eng Erinnerung, Aufarbeitung und heutiges Engagement verknüpft sind.

3.4. Ausstellungspräsentationen
Im Jahr 2009 wurden  drei Ausstellungen präsentiert:

Die Ausstellung „Briefe von der waffenlosen Front“ des ThürAZ wurde 2009 an neun Orten gezeigt:

5.1.2009 bis 2.6.2009 - Zivildienstschule Ith in 37632 Holzen (Bundesamt für Zivildienst)
13.6.2009 bis 31.7.2009 - Jugendzeltplatz Prora in 18609 Binz (Denkmal Prora e.V./ DJH Mecklenburg-Vorpommern)
7.8.2009 bis 31.12.2009 - Alter Versorger Mukran in 18546 Saßnitz (Denkmal Prora e.V.)
20.8.2009 bis 9.9.2009 - Katholische Kirche Kleiststraße in 07545 Gera (Jugenddekanat Gera)
13.9.2009 bis 24.9.2009 - Ballsaal über dem ThürAZ in 07743 Jena
24.9.2009 bis 26.9.2009 - Jugendgästehaus in  01067 Dresden (Bundesamt für den Zivildienst)
1.10.2009 bis 27.10.2009 - Ev. Kirche Göpfersdorf  (Ev.-luth. Kirchgemeinde)
29.10.2009 bis 10.11.2009 - Rathaus in Schmölln (Stadtverwaltung)
16.11.2009 bis 4.12.2009 - Stadtkirche Schmölln (Ev.-luth. Kirchgemeinde)

Andreas Ilse, selbst ehemals Bausoldat, hielt als Zeitzeuge Vorträge und beantwortete Fragen zum Thema Waffen- und Wehrdienstverweigerung in der DDR.
Am 13. September wurde die Ausstellung in Jena mit einer Veranstaltung im Rahmen des Tages des Offenen Denkmals eröffnet. Die Prominenz des Ballsaals im Camsdorfer Ufer 17 führte so nebenbei auch zur Resonanz der Ausstellung mit ca. 600 BesucherInnen. Die Ausstellung wird im Jahr 2010 überarbeitet werden und ist ab 2011 als Wanderausstellung verfügbar. Interessenten können sich für Terminabsprachen an das Archiv wenden.

Die zweite Ausstellung zum Herbst 1989 in Erfurt, erarbeitet von der Gesellschaft für Zeitgeschichte Erfurt, präsentierte bislang unbekannte Quellen zum Herbst 1989 in Erfurt. Hier wurde auch die überhaupt DDR-weit erste Besetzung einer MfS-Bezirksverwaltung vom 5. Dezember 1989 durch die „Frauen für Veränderung“ thematisiert. Diese Ausstellung wurde in den Räumen des ThürAZ gezeigt und konnte während im Rahmen von Bildungstagen des Archivs diskutiert werden.

Als dritte Ausstellung wurde in der integrierten Gesamtschule Gera im November 2009 die ThürAZ- eigene Ausstellung „Losgehen und Ankommen – Jugendkultur in den 70er und 80er Jahren“ gezeigt. Diese Ausstellung wurde in den Schulen Geras breit diskutiert, ein Bildungstag mit Geraer Schülern zum Thema veranstaltet. Die Ausstellung ist für weitere Interessenten verfügbar.

 

4. Forschung und Bildung

4.1 Tutorien, Seminare, Bildungstage
Die Zusammenarbeit mit Instituten der FSU bei der Studierendenausbildung wurde 2009 fortgesetzt. Trotz des durch den Umzug verzögerten Starts wurden vier Tutorien und Seminare mit durchschnittlich 18 Studierenden (Geschichte, Kulturgeschichte, Erziehungswissenschaften) abgehalten; sie erhielten jeweils eine Einführung in methodische Probleme der Zeitgeschichte allgemein sowie der DDR-Geschichte speziell und in die Archiv- und Quellenkunde.
2009 absolvierten im Rahmen ihres Studiums bzw. einer postgradualen Weiterbildung fünf Personen mehrwöchige Praktika im Archiv. Dieser Personenkreis konnte anschließend für eine weitere ehrenamtliche Tätigkeit gewonnen werden. Darüber hinaus erfolgte eine oft intensive Beratung und Unterstützung bei der Erstellung von Seminar- und Abschlussarbeiten sowie Promotionsvorhaben.
Außerdem führte das Archiv fünf Bildungstage für Schulen (Klassen fünf bis zehn, Jena und Gera) und Multiplikatoren (überregional) durch. Dabei wurden konkrete Fragestellungen genutzt, um die Neugier der Schüler auf die Geschichte zu wecken. Folgende Themen wurden bearbeitet: Leben und Arbeit in der DDR, Kulturelle Differenzen, Militarisierung und Friedensbewegung, ideologisch konstruierte Bildungsschranken, Menschenrechte, Pressefreiheit. Diese Themen wurden an konkreten Biografien bearbeitet, die SchülerInnen arbeiteten mit verschiedenen Quellen (Fotografien, Gedächtnisprotokolle, Schulhefte, Plakate, Filme) und hatten die Möglichkeit, anschließend in einer Gesprächsrunde mit ZeitzeugInnen zu sprechen, von denen sie Quellen gesehen hatten.
Problematisch ist die oft eingeengte und von der eigenen Biografie verstellte Sichtweise von Lehrern und Lehrerinnen, die als mitlebende FunktionsträgerInnen in der DDR den Perspektivwechsel oftmals noch nicht bewusst realisiert haben. Sehr deutlich wurde dies bei einem MultiplikatorInnenseminar, bei dem ehemalige Oppositionelle von den LehrerInnen mit dem Etikett der Asozialität versehen wurden. Das ThürAZ sieht es als Aufgabe, solche Stereotype zu besprechen und die TeilnehmerInnen mit Hilfe der Quellenarbeit zu befähigen, ihre Einstellungen zu überprüfen. Außerdem ist eine Atmosphäre zu schaffen, in der es den jeweiligen Zielgruppen gelingt, sich ihrer selbst bewusst zu formulieren.

4.2. Projekte des ThürAZ
Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt des ThürAZ sind Projekte in den Bereichen Forschung und Bildung insbesondere zu Themen der Geschichte von Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur. Im Jahr 2008 wurden folgende Vorhaben realisiert:

1) Projekt Überarbeitung der Website
Mit dem Projekt waren folgende grundsätzlichen Ziele verbunden: 1) Vermittlung von Fachinformation (Bestandsnachweise, Nutzungsmöglichkeiten des Archivs etc.), 2) Einführung eines Redaktionssystems, 3) datenbankgestütze Nachweissysteme.
Zielgruppen der Internetpräsenz des ThürAZ sind SchülerInnen und Studierende im Rahmen ihrer Ausbildung bzw. der politischen Bildung, ForscherInnen zu den Themen der im ThürAZ verwahrten Dokumente und nicht zuletzt die allgemeine Öffentlichkeit im Rahmen der politischen Bildung zu den Themen Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur.
Das Projekt trägt dazu bei, den Arbeitsaufwand der laufenden Pflege des Internetangebotes unter Konzentration auf die Inhalte zu reduzieren. Des weiteren bildet das eingesetzte Content Management System die Grundlage für die Erstellung weiterer Angebote, so etwa des in Planung befindlichen Portals zur Geschichte der Opposition und des Widerstandes in der SED-Diktatur für das Gebiet des heutigen Freistaats Thüringen. Infolgedessen ist ein weiterer Anstieg der Nutzungszahlen zu verzeichnen.
Wir danken für die Förderungen insbesondere der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, dem Thüringer Kultusministerium sowie der Stadt Jena!

2) Projekt Internetpräsentation Opposition in Jena Ende der 80er Jahre
Das Projekt bildet einen ersten Schritt für ein Internetportal zur Geschichte der Opposition und des Widerstands in der SED-Diktatur für den heutigen Freistaat Thüringen, für welches das ThürAZ bereits eine Konzeption vorgelegt hat, das jedoch aufgrund fehlender Haushaltsmittel vorerst nur in Teilschritten umgesetzt werden kann. Das Thema wird dabei durch einen regionalgeschichtlichen Ansatz vermittelt. Es wurde eine Konzeption entwickelt, die sich zunächst als erstes Teilprojekt ausschließlich auf Jena bezog. Da für den zunächst angedachten Projektzeitraum im Jahr 2009 die benötigten Mittel nicht in ausreichender Höhe zur Verfügung standen, bildete nun zunächst ein Abschnitt der Jenaer Oppositionsgeschichte, das Wirken der Gruppe "Künstler für Andere" ab Mitte der 80er Jahre den Gegenstand des Projektes. Dieser hat für die weitere Arbeit Modellcharakter. Mit dieser Darstellung soll sowohl der aktuellen Erinnerung an das Jahr 1989 Rechnung getragen werden, andererseits besteht hiermit ein erster Baustein des Gesamtprojektes, der für die Umsetzung des Portals als Referenz dient. Für die Recherche und den Aufbau der Seite konnten Bestände des Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ ausgewertet werden, die insgesamt die Aktivitäten der Gruppe „Künstler für Andere“ in eindrücklicher Form überliefert haben. Die Freischaltung wird Anfang 2010 erfolgen.
Wir danken für die Förderungen dem Thüringer Kultusministerium sowie der Stadt Jena!

4.3. Projekte in Kooperation

1) Herausgabe eines Sammelbandes zur Universitätsgeschichte
Im Rahmen dieses Projekts sollte gemeinsam mit Studierenden die defizitäre Forschungslage im Bereich der Studierendengeschichte gemildert werden. Das Projekt widmete sich der Aufarbeitung der Studierendengeschichte zwischen 1988 und 1999, mithin dem Transformationsprozess von Beteiligten des Umbruchs im Jahr 1989. Durch die Kooperation erhielten die Studierenden die Möglichkeit, in Bestände des ThürAZ einzusehen, die bislang nur privat zugänglich gewesen waren, da das Archiv mit der Verzeichnung der Bestände die Verfügbarkeit und einen geregelten, öffentlich nachvollziehbaren Zugang garantiert. Es handelt sich hier insbesondere um den Bestand Tilo Schieck sowie um die weitere Erschließung der Bestände Jörn Mothes und Andreas Ilse.
Während der Forschungen wurden einigen Studierenden von damaligen Protagonisten Quellen übergeben, die in den Bestand des ThürAZ eingehen und damit eine systematische Bestandsbildung sowie die Nachvollziehbarkeit der Argumente ermöglichen.

2) Projekt „Ambulancia“ – Ein Krankenwagen für Nicaragua
Im Rahmen der oben genannten Kooperation sollte eine mikrohistorische Studie zum Vorhaben von Studierenden in den Jahren 1988 und 1989 angefertigt werden, einen Krankenwagen für Nicaragua zu spenden. Ziel war es, den Handlungsräumen der Jenaer Studierenden zwischen 1988 und 89 im Bedingungsfeld des MfS nachzugehen. Im Ergebnis wurde im November 2009 der Aufsatz von Katharina Lenski: „Zwischen System und Solidarität: „Ambulancia – ein Krankenwagen für Nikaragua“. Studierende und Staatssicherheit im letzten Jahr der DDR“ im Sammelband der Herausgeber Robert Gramsch und Tobias Kaiser: Engagement und Ernüchterung. Jenaer Studenten 1988 bis 1995, Jena 2009, S. 47-75 publiziert, der während einer Tagung im November 2009 öffentlich vorgestellt wurde.
Während des Projekts wurden Interviews mit den damaligen Studierenden Tilo Schieck, Jürgen Reifarth und Peter K. geführt, die nach Transkription im ThürAZ verfügbar sein werden. Zusätzlich wurden Materialien eingeworben, die nach Verzeichnung ebenfalls öffentlich verfügbar sein werden.
Wir danken besonders den Zeitzeugen für Ihr Vertrauen und ihr Engagement!

4.4 Zusammenarbeit & Kooperationen
Wie in den vorangegangenen Jahren kooperierte das Archiv mit weiteren Einrichtungen und Personen:

  1. Gesellschaft für Zeitgeschichte Erfurt: ÖA für, Durchführung und Betreuung der Vortragsreihe des ThürAZ
  2. BStU Erfurt: ÖA für und Durchführung der Vortragsreihe gemeinsam des ThürAZ
  3. Senatskommission zur Aufarbeitung der Jenaer Universitätsgeschichte im 20. Jahrhundert: Bereitstellung von Fotografien, Unterstützung von Recherchen
  4. Medien: Bereitstellung von Fotografien, Schriftquellen, Interviews, ZeitzeugInnenkontakten und Recherchen (studentische, lokale und überregionale Zeitungen, Radio und TV)
  5. Historisches Institut der FSU, Institut für Erziehungswissenschaften, theologische Fakultät: studentische Veranstaltungen, Seminar- und Abschlussarbeiten, Dissertationen
  6. Schulen in der Region: Unterstützung bei Seminarfacharbeiten, Führungen, Zeitzeugengesprächen, Bildungsveranstaltungen
  7. Martin-Luther-King-Zentrum Werdau: Unterstützung der Ausstellung „Pressefreiheit“ durch Vermittlung von Dokumenten, Materialien, Interviews, ZeitzeugInnen
  8. Stadtmuseum Jena: Unterstützung der Ausstellung „Gesichter des Herbstes 1989 in Jena“ durch Vermittlung von Dokumenten, Materialien, Fotografien, Objekten
  9. Stadtmuseum Saalfeld: Unterstützung der Ausstellung zur Friedlichen Revolution durch Vermittlung von Dokumenten und Fotografien
  10. Landeszentrale für Politische Bildung: Unterstützung der Publikation zum „Blues in Thüringen“ durch Bereitstellung von Audio-Dokumenten und schriftlicher Überlieferung, Fotos und Organisation einer ZeitzeugInnenveranstaltung
  11. Theaterhaus Jena: Unterstützung des Theaterprojektes „Der dritte Weg – eine theatrale Demonstration“ durch  Bereitstellung von Audio-Dokumenten, schriftlicher Überlieferung und Fotos, historisch-wissenschaftliche Beratung der Regisseurinnen und Vermittlung von Zeitzeugen.