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Thüringer Archiv für Zeitgeschichte (ThürAZ)

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Aktuelles

 

10. Juni 2008

Die Tagung „Samisdat und Öffentlichkeit. Kommunikation und Wahrnehmung der Opposition in den 70er und 80er Jahren in der DDR“

Von Katharina Lenski

Unter diesem Titel hatte das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ (Jena) am 17. Mai 2008 zu einer Tagung in den Räumen der FSU geladen, die von der Landeszentrale für Politische Bildung Thüringen und der Senatskommission zur Aufarbeitung der Jenaer Universitätsgeschichte im 20. Jahrhundert unterstützt wurde. Durchschnittlich dreißig Teilnehmer/innen diskutierten interessiert und engagiert Referate zum polnischen, tschechischen und DDR-Samisdat; ein Thema, das mehr Beachtung verdiente, wie auch der Forschungsstand zeigt.

Den Einstieg in das erste Panel, eingeleitet, moderiert und zusammengefaßt von Prof. Thomas Bohn (LMU München), leistete Dr. Andrea Genest (ZZF Potsdam): „Die Rolle des Samisdat in Polen nach 1968“. Sie spezifizierte die Terminologie und sprach vom „polnischen unabhängigen Publikationswesen“ in Abgrenzung zu „Untergrundpublikationen“, um auf die völkerrechtlich verankerte Presse- und Publikationsfreiheit hinzuweisen. „Samisdat“ definierte sie als Texte, die innerhalb des Landes selbst geschrieben, vervielfältigt und verteilt wurden, während der „Tamisdat“ über die Grenzen ins Land geschmuggelt wurde, um dort – wiederum vervielfältigt – als Samisdat verbreitet zu werden.
Den Beginn dieser Struktur des „Drugi obieg“ („Zweiter Umlauf“) markiert das Jahr 1976, als das KOR begann, ein Informationsbulletin herauszugeben. Während das Jahr 1968 gezeigt habe, daß eine innerparteiliche Opposition die Handlungsspielräume weitgehend betonierte, thematisierten die nun entstehenden Netzwerke eigene Inhalte. Die Erkenntnis, daß eine „eigene“ Öffentlichkeit teilweise vor Repression schützen könne, führte zur Bildung eines Konsortiums von 12 Verlagen. Die Traditionen und Wissensbestände hätten dies erleichtert. Mit dieser qualitativen Neuentwicklung ging eine Professionalisierung sowohl technisch wie inhaltlich einher, die zur Installierung eines parallelen Publikationswesens neben dem offiziellen führte und mittels Subskriptionsstruktur marktwirtschaftliche Anteile integrierte. Unter dem Genderaspekt betrachtet ist hervorzuheben, daß Texte und Technik die männlichen Beteiligten, redaktionelle Arbeiten Frauen übernahmen. Als Teil eines Lebensstils, der sich nicht mit der Eintönigkeit der Unterordnung zufriedengab, wurde dieses Publikationswesen zur intellektuellen und sozial solidarisierenden Plattform, die neben Informationen und Austausch nebenher auch Arbeitsplätze schuf.

Mateusz Fałkowski (Max-Weber-Kolleg Erfurt) widmete sich einem konkreten Fallbeispiel mit „Collective action in Polish underground publishing: the case of CDN Publishing House 1982-1989“. Die Motivation von über 150 Beteiligten, sich im CDN-Verlag teils in Vollzeit zu engagieren, der Prozeß der Institutionalisierung und der damit einhergehenden Ausbildung von Netzwerken bildeten seine zentralen Fragen. Die Motivationen hätten in einer seit 1977 existierenden „Disposition zum Handeln“ latent existiert, die mit der Verhängung des Kriegszustandes 1981 in den Vordergrund traten. Dabei habe es sich um eine „Sache des Herzens und des Gewissens“ und um den Willen gehandelt, die polnische Unabhängigkeit zu erreichen. Die Institutionalisierung leitete er aus den beruflichen Professionen und dem Engagement der Beteiligten her, ferner wurde der CDN-Verlag durch finanzielle Mittel der „Kultura“ unterstützt. Die Beteiligten kannten sich meist nur unter Pseudonym, was die Frage nach den Netzwerken aufwarf. Deren Bildung sei durch die Querverbindungen zu Solidarnosc erleichtert worden. Zu Beginn der 80er Jahre sei die Arbeit von hohem ideellen Engagement, zu ihrem Ende hin dann von hoher Professionalisierung doch auch wirtschaftlichen Problemen geprägt gewesen seien.

Den Reigen der ersten Runde schloß Dr. Christian Lotz (Leipziger Kreis) mit „Samizdat in der DDR und in Polen. Eine vergleichende und beziehungsgeschichtliche Analyse am Beispiel von Leipzig und Wrocław (1973-1989)“. Bislang liege keine systematische, empirisch-vergleichende Analyse der Verbreitung des Samisdat in Polen und der DDR vor, konstatierte er, ebenso stehe es um die Beziehungsgeschichte. Man habe mit dem Samisdat vom Staat unabhängige Foren geschaffen, die primär der Selbstverständigung dienten. In Leipzig habe es ihn jedoch später sowie in bis zu 40mal niedrigerer Auflage und mit einseitigerem Themenspektrum als in Wrocław gegeben. Die Unterschiedlichkeiten führte er einerseits auf die polnische Tradition und den Einfluß der Westmedien in der DDR sowie die unterschiedliche Struktur der Opposition zurück, womit in Polen eher eine „Zweite Öffentlichkeit“ sichtbar werde. Lotz fragte, ob für den politischen Umbruch die eine Gesellschaft mehr Samisdat als die andere benötigte.

In der Diskussion wurde deutlich, daß empirische Studien kaum vorhanden sind, weshalb diese Frage nicht beantwortet werden kann. Drei weitere Diskussionspunkte sind hervorzuheben. Der Begriff „Untergrundpublikation“ führt irre, denn die Produktion von Samisdat ist auf legitimes Handeln zurückzuführen, das jedoch unter Verfolgungsdruck geschah. Die Frage, ob die höheren Auflagenzahlen in Polen auf personelle Lücken der polnischen Geheimpolizei zurückgeführt werden könnten, wurde von Christian Lotz bejaht, auch wenn man nicht eindimensional werten könne. Die Handlungsweisen müssen, wie das Publikum betonte, in ein kulturell konnotiertes Feld eingeordnet werden, woraus sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten für den konkreten Fall ergeben wie auch Schnittstellen von „offiziellem Publikationswesen“ und „Drugi obieg“. Thomas Bohn resümierte mit den Worten: „Das polnische Beispiel besticht durch Qualität.“

Das zweite Panel wurde eingeleitet und moderiert von Dr. Bernd Florath (BStU Berlin, Abt. Bildung und Forschung).
Anders als in Polen sei Wacław Bendas Anspruch, eine „Parallelpolis“ mit „unpolitischer Politik“ zu schaffen, nur teilweise realisiert worden, wie Marketa Spiritova (Universität Regensburg) feststellte. Mit dem Titel „Samizdat bedeutet für mich das Überleben“: Der Samizdat als Bewältigungsstrategie im Alltag tschechischer Intellektueller zur Zeit der „Normalisierung“ (1968-1989) lenkte sie den Blick auf Intellektuelle, denen durch die „Normalisierung“ die Professionen und Kontinuitäten entrissen wurden, und die sie mit unterschiedlichsten Strategien wieder herzustellen versuchten, um die „Biographie zusammenzuhalten“. Spiritova grenzte mit dem Begriff „innere Emigranten“ diejenigen Intellektuellen von „Dissidenten“ ab, die nicht vordergründig mit politisch bewertbaren Aktivitäten in Verbindung gebracht werden wollten. „Wohnungsseminare“ und die Produktion von Samisdat waren Techniken, mit denen versucht wurde, die Traditionen zu retten und das kulturelle Gedächtnis zu kontinuieren, um damit einen Gegenpol zur Unterdrückung zu schaffen. Zugleich habe dies zu zivilgesellschaftlichen Organisationsformen geführt, in denen „Gegenidentitäten“ entwickelt worden seien und damit zwar keine „Parallelpolis“, sondern diverse Ersatzöffentlichkeiten, alternative öffentliche Räume als „Keimzellen“ der Zivilgesellschaft entstanden.

Mit einem Vergleich zwischen tschechoslowakischem und DDR-Samisdat beschäftigte sich Dr. Tomáš Vilímek (Robert-Havemann-Gesellschaft Berlin) unter dem Titel „Samisdat, Mittel zur „Deanonymisierung des Terrors“ und grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Zum Vergleich zwischen ČSSR und DDR“.
Auch er stellte ähnlich wie Lotz fest, daß DDR-Samisdat später in Erscheinung getreten sei, während der tschechoslowakische sich unter der Vorbildwirkung von Tamisdat-Foren wie „Listy“ (Blätter, 1971) spätestens mit dem INFOCH (Informationsbulletin der Charta 77) gezeigt habe. Doch die Geheimpolizei habe beispielsweise Mitglieder der Gruppe „Listy“ verfolgt, zu denen u.a. Jiří Pelikán und Michael Horáček gehörten.
Insbesondere seine Untersuchung von Publikationen des Jahres 1989 ergab, daß eine beiderseitige Kommunikation entstanden sei, die sich hauptsächlich Repressionsthemen gewidmet und Solidaritätsnoten produziert habe. Vilímek stellte fest, daß die Oppositionellen damit das Blockdenken überwunden und mit ihrer grenzüberschreitenden Solidarität den politischen Raum als gemeinsam zu gestalten begriffen hätten.

Reiner Merker (ThürAZ, Jena) füllte mit seinem Vortrag „Die `Pechblende`. Zur Wirkungsgeschichte einer Samisdat-Publikation (1988-1990)“ ein weiteres Desiderat. Der Studie, von Michael Beleites 1988 zum Uranbergbau in der DDR und seinen Folgen vorgelegt, folgten unterschiedliche und zum Teil nachweisbare Rezeptionsprozesse auf der Ebene von Staatsapparat und Gesellschaft. Im Staatsapparat reichten die Reaktionen vom Verschweigen über die Schulung von SED-Funktionären hinsichtlich ihrer Argumentationslinien bis hin zu Maßnahmen des MfS mit dem Ziel, eine weitere Diskussion zu verhindern.
Während die Lehrlingswerbung für die „Wismut“ nach Ausstrahlung einer von Beleites initiierten Fernsehsendung des Politmagazins „Kontraste“ kurzfristig weitgehend erfolglos geblieben sei, hätten die aufgrund dieser Problematik neu gebildeten Umweltkreise ihre Arbeit kontinuiert. So existiert beispielsweise der „Umweltkreis Ronneburg“ bis heute. Ebenso wurden zahlreiche Eingaben registriert, die heute sowohl in öffentlichen Archiven doch auch in den Beständen des ThürAZ vorzufinden sind.

Dr. Bernd Florath leitete die Diskussion mit der Frage nach dem Verhältnis von Opposition und Gesellschaft ein. Der Begriff der „inneren Emigranten“, die eine Gegenwelt installierten, um einerseits zu überleben und andererseits die Strukturen einer parallelen Öffentlichkeit zu schaffen und zu erhalten, steht einerseits im Gegensatz zu den Dissidenten. Diese „zeigten ihr Gesicht“, wie Marketa Spiritova betonte. Andererseits waren öffentliche Artikulation und nichtöffentliches Engagement notwendig, um der permanenten Drohung der Repression zu entgehen. Zugleich hätten, so Tomáš Vilímek, diese Netzwerke mit westeuropäischen Emigranten korrespondiert, durch die ideelle und materielle Unterstützung sowie grenzüberschreitende Öffentlichkeit geschaffen worden sei.
Zur Rezeption der „Pechblende“ fragte das Publikum u.a. nach dem Berufsethos der mit den Gesundheitsschäden befassten Ärzte. Da die Arbeiter/innen der Wismut in einem betriebseigenen Krankenhaus behandelt wurden, wären die damals dort angestellten Ärzte zu befragen. Die Frage nach der Vernetzung von Michael Beleites beantwortete Reiner Merker mit einem weitgehenden „Nein“. Er war zwar in Netzwerke kirchlicher Friedensgruppen eingebunden, was sich allerdings nur bedingt auf die Entstehung der Umweltstudie auswirkte, da er bis auf die Verteilung der „Pechblende“ weitgehend als „Einzelkämpfer“ agierte. Das zeigte sich auch darin, daß auf die „Pechblende“ in relevanten Samisdat-Periodika nicht oder nur vereinzelt verwiesen wurde. Das Publikum merkte an, daß der Rezeptionsgeschichte zur „Pechblende“ weitere Einzelstudien folgen müssten.

Den dritten Teil der Tagung füllte eine Podiumsdiskussion zum Thema „Grundzüge einer `Zweiten Öffentlichkeit`. Jena 1973-1989“, die Dr. Rüdiger Stutz (FSU, Historisches Institut) moderierte. Zum „Arbeitskreis Literatur und Lyrik“ (1973-1975) sprach Udo Scheer, während Thomas Grund über Erfahrungen mit der „Hinterhof-Production“ (1975 - 1989) und Matthias Kupke über den „Leseladen“ (1988/89) berichteten.
Der Moderator fragte vor dem Hintergrund, daß der Begriff einer „Zweiten Öffentlichkeit“ eher politikwissenschaftlich generiert sei und deshalb als Merkmal demokratischer Gesellschaften fungiere, ob der Begriff für Jena anwendbar sei, und ob man nicht besser von „kulturgesellschaftlichen Inseln“ sprechen müsse. Da Öffentlichkeit mit Publikum korrespondiere, sei folglich nach den Interaktionen zu fragen.
Udo Scheer verortete das Publikum des Arbeitskreises hauptsächlich bei Lehrlingen und Universitätsstudent/innen. Thomas Grund, der die „Hinterhofproduction“ neben offiziellen Jugendtreffen und Kirchentagen bei der „Junge Gemeinde Stadtmitte“ Jena sah, beschrieb das Publikum Mitte der 70er Jahre als Oberschüler/innen sowie Student/innen. Für den „Leseladen“ konnte das Publikum nicht explizit eingegrenzt werden, wobei auch „Inoffizielle Mitarbeiter“ des MfS sich dort informiert hätten. Insgesamt habe der „Leseladen“ weniger Publikum erreicht als gewünscht, wenn man sich auch als Kommunikationsraum verstanden habe.
Die Perspektiven der drei Zeitzeugen fielen hinsichtlich ihrer politischen Verortung sehr widersprüchlich aus. Während Udo Scheer den „Arbeitskreis Literatur und Lyrik“ als politisch, die Initiativen der Nachwachsenden dagegen als „unpolitisch“ bezeichnete, wurde aus dem Publikum angemerkt, daß möglicherweise die Erfahrungen der vorangegangenen politischen Generation andere Herangehensweisen der Nachfolgenden provoziert hätten. Matthias Kupke fasste dies unter dem Stichwort „Langfristigkeit“ zusammen, denn es hätte letztlich gerade nach den Erfahrungen der Ausreise ganzer Jugendszenen nichts genutzt, zu demonstrieren, um danach inhaftiert und ausgebürgert zu werden. Um erneut Strukturen aufzubauen, habe man „leise“ Formen des Engagements genutzt. Allerdings zeigen die Themen von Veranstaltungen des Leseladens, daß man sich mit der Umwelt- und Friedensproblematik sowie Solidarität gegen Repression beschäftigte. Zudem seien alle relevanten Samisdat-Publikationen verfügbar gewesen. Die Hinterhof-Production habe die Musik von verbotenen Bands, wie der Gruppe „Airtramp“ aus Jena, konserviert, vervielfältigt und auf Kirchentagen verteilt. Während Matthias Kupke zur nachgewachsenen Generation zählte, gehörten Thomas Grund und Udo Scheer zur Generation der 70er. Letzterer merkte an, daß er nach dem Verbot des Arbeitskreises Literatur im Jahr 1975 aus Furcht vor Repressionen sein Engagement eingestellt habe, jedoch einige Kontakte weiter gepflegt habe, wodurch er Samisdat erhielt.
Thomas Grund bemerkte, er habe im Sinne des Horizonts Jugendlicher „Bindeglieder“ zwischen den verschiedenen Erfahrungswelten installieren wollen. Die Diskussionen im „Arbeitskreis Literatur und Lyrik“ hätten neu hinzukommende Jugendliche abgeschreckt, da sie zu „hart“ gewesen seien. Der Bruch zwischen der „70er“ und der „80er Generation“ sei demnach sowohl als Generationen- und Vermittlungsfrage anzusehen. Außerdem müssten die personellen Diskontinuitäten in Betracht gezogen werden, die durch die Ausbürgerungen verursacht wurden und damit zur Ausdünnung des kommunikativen Gedächtnisses führten. Dies widerspricht der Perspektive verschiedener Publikationen zur Opposition in Jena, in denen Kontinuitäten der Opposition konstruiert wurden. Zur Frage der kulturellen Inseln merkte Matthias Kupke an, man könne den „Leseladen“ durchaus so beschreiben, denn einerseits habe man versucht, Öffentlichkeit herzustellen, andererseits habe sich durch das damit verbundene Repressionsrisiko das Umfeld reduziert.

Während der Tagung wurde deutlich, daß hier nach wie vor zu wenig Einzelstudien sowie vergleichende Untersuchungen vorliegen. Dabei ist dieses Thema sehr gut geeignet, um „eigensinnige“ Zusammenhänge neben der Eigenlogik der Herrschaft zu analysieren.