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24. April 2019

Bericht zum Zeitzeugen-Podium "Betriebliche und gewerkschaftliche Aufbrüche in Jena 1989/90"

Jörg Auweiler, Jürgen Dömel und Frank Günther (v. l. n. r.) im Gespräch mit Dr. Renate Hürtgen

Die Betriebe in der DDR waren eine wichtige Stütze der SED-Herrschaft. Sie übernahmen im Arbeiter-und-Bauern-Staat über die Produktion von Waren hinaus eine „Funktion als Versorgungs-, Bildungs- und Gesellungsort, als Ressource für viele andere Lebensbereiche und als Zentrum des politischen Lebens“, wie es die Historikerin Evemarie Badstübner formuliert. Im Herbst 1989 schwand der Rückhalt für das SED-Regime auch in den Betrieben massiv. Die Belegschaften entwickelten unterschiedliche Strategien des Aufbruchs. Angestoßen durch wenige Betriebsangehörige setzten in den Unternehmen Veränderungsprozesse ein, die die seit Jahrzehnten praktizierten Routinen im Betriebsalltag aufbrachen.

In einem Zeitzeugenpodium mit drei damaligen Akteuren aus unterschiedlichen Jenaer Betrieben fragte das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ danach, wie althergebrachte Machstrukturen des Parteiapparats und der Massenorganisationen in den Jenaer Betrieben aufgebrochen und ihr Einfluss verringert werden konnte. Thematisiert wurde, welche Formen zivilen Ungehorsams und autonomer Verständigung sich in den Jenaer Unternehmen zur „Wendezeit“ etablierten, wie Einzelne und Gruppen aus den Belegschaften zu einem Wandel von Praktiken und Strukturen in den Betrieben beitrugen und wie dieser Prozess mit der Entwicklung der Selbstwahrnehmung der BetriebsmitarbeiterInnen als mündige politische Subjekte zusammenhing.

In einem einführenden Impulsvortrag teilte die Historikerin Renate Hürtgen die Zeit des Umbruchs in zwei Phasen ein: Die Phase vom Herbst 1989 bis März 1990, in der mit dem Zerfall der Staats- und Parteistrukturen ein Machtvakuum entstand, das von Übergangsgremien ausgefüllt wurde, und die Zeit ab dem März 1990, in der der Aufbau neuer gewerkschaftlicher und betrieblicher Interessenvertretungen nach westlichem Vorbild im Vordergrund stand. Diese Phase sei von einer massiven Streik- und Protestwelle begleitet worden.

Verschiedene Motive brachten die Gesprächsteilnehmer dazu, sich in ihren Betrieben zu engagieren: Frank Günther, der als KfZ-Schlosser beim VEB Kraftverkehr Jena arbeitete, nannte als einen wichtigen Punkt die gefälschten Kommunalwahlen vom Mai 1989. Für Jürgen Dömel, der 1989 als Dreher im VEB Carl Zeiss Jena beschäftigt war, spielten besonders die Einschränkung der Reisefreiheit und die enormen Ausreisewellen ab dem Frühjahr 1989 eine Rolle. Zunächst aber habe die allgegenwärtige Angst vor den Reaktionen des Staates überwunden werden müssen, erinnerte sich der Chemiker Jörg Auweiler, der 1989 im Forschungslabor des VEB Jenapharm angestellt war. Ab dem Spätsommer fassten immer mehr Menschen Mut, sich für Veränderungen einzusetzen.

In den Betrieben kam die Aufbruchstimmung erst an, nachdem sich auf den Straßen schon Proteste formiert hatten: Engagierte MitarbeiterInnen trugen den Protest in die Betriebe hinein. Frank Günther, der ab Ende Oktober 1989 an den ersten Demonstrationen in Jena teilnahm und in der neu gegründeten SDP einen Arbeitskreis Gewerkschaften aufbaute, nutzte das betriebsinterne Schwarze Brett, um Informationen und eine Unterschriftensammlung der Bürgerbewegung „Neues Forum“ auszuhängen. Auch Wandzeitungen wurden zu diesem Zweck genutzt, berichtete Jörg Auweiler für den VEB Jenapharm. Hier rief u. a. ein Mitarbeiter aus der Forschungsabteilung zum freien Meinungsaustausch auf.

Ab Mitte Oktober bildeten Mitglieder der Belegschaften in den Jenaer Betrieben informelle Gruppen, die sich – so zumindest im VEB Jenapharm – mit Billigung des Vorgesetzten während der Arbeitszeit trafen und über aktuelle Problemlagen und Lösungsmöglichkeiten berieten. Sie formulierten Forderungen, die die Situation im Betrieb betrafen: die Neuwahl der Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL), die Auflösung des SED-Büros und der Betriebskampfgruppen, die Nutzung der Betriebszeitung als Organ der Belegschaft. Der später so genannte „Initiativausschuss“ übernahm übergangsweise die Aufgaben der Geschäftsleitung, suchte parallel aber auch im Rahmen eines betriebsinternen Runden Tisches den Dialog mit der BGL.
Auch beim VEB Carl Zeiss wurde zunächst der Dialog mit der alten Geschäftsleitung gesucht. In einigen Betriebsteilen schwand die Bereitschaft zum Gespräch jedoch schnell, als Reformunwilligkeit bei den Betriebsleitern festgestellt wurde: In Göschwitz versperrte die Belegschaft die Werkstore und ließ die Betriebsleitung nicht mehr auf das Gelände.

Anfang 1990 wurden in den Betrieben nicht nur neue Gewerkschaftsleitungen gewählt, sondern teilweise, wie im VEB Kraftverkehr, auch schon Betriebsräte, sodass Parallelstrukturen entstanden. Alle drei Podiumsteilnehmer wurden in neu entstandene Betriebsräte hineingewählt. Im Vergleich zu heute beobachteten Frank Günther und Jürgen Dömel, dass die 1990 neu gewählten Betriebsräte viel umfassendere Aufgaben wahrnahmen und Entscheidungen sehr viel schneller getroffen wurden. 

Auf Enttäuschungen im Zusammenhang mit dem Umbruch 1989/90 angesprochen, erinnerte Jürgen Dömel an zahlreiche Probleme, die im Anschluss an die Umwälzungsprozesse bewältigt werden mussten: Nur etwa ein Drittel der Belegschaft des VEB Carl Zeiss konnte übernommen werden, von 30 000 sank die Mitarbeiterzahl auf 10 200. Arbeitsplatzverlust und Perspektivlosigkeit führten dazu, dass viele ehemalige Zeiss-Arbeiter an Selbstwertgefühl einbüßten. Darüber hinaus sei es aufgrund der Übernahme des hessischen Tarifmodells und der damit zusammenhängenden Eingruppierungen zu einer Ungleichbehandlung von Mitarbeitern mit ähnlichem Tätigkeitsfeld gekommen. Frank Günther wies auf die Schwierigkeiten hin, die mit dem Eintreten der Währungsunion am 1. Juli 1990 akut wurden: Ganze Märkte seien plötzlich weggebrochen und teilweise seien in großem Ausmaß Tauschgeschäfte mit der Sowjetunion eingegangen worden.