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21. November 2018

Bericht zum Filmgespräch "Insel der Schwäne"

Dr. Birgit Dahlke im Gespräch mit Christian Hermann

Am 25. Oktober 2018 organisierte das ThürAZ im Kino im Schillerhof ein Filmgespräch zur DEFA-Produktion „Insel der Schwäne“ (1982). Der Film erzählt die Perspektive einer Jugend in der DDR zwischen Plattenbau und Schule, zwischen Langeweile und erzwungener Anpassung und schließlich den Gegensatz zwischen Urbanität und Landleben. Stand die Stadt, die sozialistische Stadt allemal, häufig als Chiffre für Fortschritt und Zukunftsorientierung, zeichnet der Film ein dezidiert anderes Bild: der Natur entfremdete Menschen versuchen in der künstlichen Umwelt der Großwohnsiedlung ein neues Leben zu beginnen. Die Versuche, eigene Vorstellungen des Miteinanders zu verwirklichen und an der Gestaltung der eigenen Lebensrealität teilzuhaben (am Bau eines Spielplatzes), scheitern an der Ablehnung des paternalistisch angelegten „Systems“, das sich in der Figur des Hausmeisters verdichtet. Beispielhaft erzählt der Film eine Jugend in der späten DDR, die geprägt war von verlangter Anpassung und widerwilligem Mitmachen. So wählt die Schulklasse des Protagonisten Stefan ohne Überzeugung die FDJ-Gruppenratsleitung, wobei sich der Teile der jungen Heranwachsenden den Funktionsämtern entziehen wollen.

Zu Gast war Dr. Birgit Dahlke von der Humboldt-Universität Berlin. Im Gespräch wies die Literaturwissenschaftlerin darauf hin, dass es bis heute nicht leicht sei, die Themen „Bauen und Wohnen“ künstlerisch zu bearbeiten, da beide zu jeder Zeit ein Politikum darstellten. Die Reaktion des FDJ-Zentralorgans „Junge Welt“, das 1982 eine Rezension über den Film mit der Überschrift „Wieder kein Film für uns“ versah, bezeichnete Dahlke als hilflos. Vom Publikum sei der Film sehr gut angenommen worden. Die Spitzen gegen die Bau- und Wohnungspolitik der SED, die der Film aus der Romanvorlage von Benno Pludra übernahm (und die den Prüfungsprozess innerhalb der DEFA überstanden), mögen zur Beliebtheit des Films beigetragen haben. Angesprochen oder angedeutet werden darüber hinaus Themen, die offiziell mit einem Tabu belegt waren: Kinder berufstätiger Eltern werden tagsüber sich selbst überlassen, für körperliche Liebe ist in den hellhörigen Neubauwohnungen kein Raum und Frauen gehen fremd.

Wie Birgit Dahlke beobachtet, wird der Mythos der sozialen Einheit durch den Film demontiert. Der Hausmeister behandle die Kinder des Viertels von oben herab, begegne einer „Frau Doktor“ aber mit Unterwürfigkeit. Die Figur verkörpere somit Opportunismus und Autoritätshörigkeit. Kritisch hinterfrage der Film darüber hinaus das Narrativ vom ‚Staat der Arbeiter‘. Anhand der Figur vom Vater des Protagonisten Stefan, einem Bauarbeiter, der vorgefertigte Bauelemente zu Wohnblöcken zusammensetzt, würden den Arbeitern im sozialistischen Staat symbolisch eher negative Eigenschaften zugeschrieben – so die Unfähigkeit, zuzuhören, nachzufragen und Emotionen zu artikulieren. Diese Eigenschaften würden im Film durch die Eigenschaften des Heranwachsenden Stefan konterkariert. Er stehe für eine neue Männergeneration, die sich durch Emotionen, Solidarität, Natursinn und moralische Reife auszeichne. Stefan und sein alter Freund Tasso repräsentieren eine „träumerische Abenteuerlichkeit“ die sich u. a. im „weichen Naturbild“ des Sees und der ‚Insel der Schwäne‘ zu Beginn des Films widerspiegelt.

Eine große Stärke des Films sieht Birgit Dahlke darin, dass er die Widersprüchlichkeit der Wohnungspolitik der SED unter Erich Honecker zeige, ohne dabei die Großwohnsiedlung Berlin-Marzahn zu „denunzieren“.
Zum Schluss plädierte Frau Dahlke für eine größere Anerkennung der filmischen Leistungen von DDR-Regisseuren im deutschsprachigen Raum. Im ästhetischen Bewusstsein Westdeutschlands z. B. seien DDR-Filme kaum präsent.