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21. November 2018

Bericht zum Zeitzeugen-Podium "Eigensinn in der 'Platte': Jena-Neulobeda und Halle-Neustadt"

Maria Mothes, Katharina Kempken und Josephine Keßling (v. l. n. r.) sprachen im Stadtteilbüro Lobeda über Eigensinn in DDR-Großwohnsiedlungen

Am 18. Oktober fand die 5. Veranstaltung der ThürAZ-Reihe „Leben auf der Baustelle?! - Bauen und Wohnen in der DDR“ statt. Zum Gespräch unter dem Titel „Eigensinn in der ‚Platte‘: Jena-Neulobeda und Halle-Neustadt“ waren zwei Zeitzeuginnen eingeladen: Josephine Keßling und Maria Mothes.

Josephine Keßling wurde 1962 in Sangerhausen geboren, katholisch getauft und sozialisiert und wurde aufgrund ihres aktiven Glaubensbekenntnisses nicht zur Erweiterten Oberschule (EOS) zugelassen. Sie entschloss sich zu einer Ausbildung zur Facharbeiterin für Porzellanherstellung in Kahla. Im Anschluss zog sie 1980 nach Halle, wo sie eine Stelle als medizinische Hilfskraft in einer Kinderpsychiatrie erhielt. In Halle-Neustadt fand sie Anschluss an die Junge Gemeinde, die von Jugenddiakon Lothar Rochau betreut wurde. Die Junge Gemeinde, die sich auf dem Grundstück der evangelischen Passendorfer Kirche in Halle-Neustadt traf, bot andersdenkenden Jugendlichen im Rahmen der Offenen Arbeit Möglichkeiten zum Austausch und zur Vernetzung, bis sie 1983 mit der politischen Inhaftierung des Jugenddiakons zum Erliegen kam.

Maria Mothes wurde 1944 im Erzgebirge geboren, wo sie bis 1960 lebte. Auch ihr wurde aufgrund ihres christlichen Elternhauses die Zulassung zur EOS verweigert. In Halle an der Saale absolvierte sie eine Ausbildung zur Chemiefacharbeiterin. Nachdem sie eine Stelle am biomedizinischen Institut in Jena bekommen hatte, zog sie 1969 mit ihrer Familie in die entstehende Großwohnsiedlung Jena-Neulobeda. Gemeinsam mit ihrem Mann, der Mitglied der Gemeindeleitung für Neulobeda war, beteiligte sie sich an einem christlichen Hauskreis, der sich in Privatwohnungen in Lobeda-West traf. Die Motivation, auch ihre eigene Wohnung in der Werner-Seelenbinder-Straße für die Treffen zur Verfügung zu stellen, ergab sich daraus, dass vor 1983 keine kirchlichen Räume in Neulobeda zur Verfügung standen. Es entstand der Gedanke, dass die Gemeindearbeit auch „zu den Menschen in die Wohnungen gehen könnte“. Wie einige andere Familien brachte das Ehepaar Mothes den Mut dazu auf, ihre Türen für die Treffen des Kreises zu öffnen.

Josephine Keßling spricht von ernüchternden Erfahrungen mit dem DDR-Sozialismus in ihrer Kindheit und Jugend. Schon im Kindergartenalter sei ihr die Notwendigkeit bewusst geworden, zwischen privater und öffentlicher Meinungsäußerung zu unterscheiden. Bei Versuchen, sich in ihrer Jugend mit eigenen Ideen in einem Jugendklub im thüringischen Nebra zu engagieren, eckte sie an. Jugendliche wie sie, die sich nicht unbedingt abgrenzen wollten, sondern „durch ihre aufrechte, vielleicht nervige, fragende oder fordernde Art sonst keinen Raum gefunden haben“, fanden sich in der Offenen Arbeit in Halle-Neustadt zusammen. Das Gelände der Kirche befand sich am Rand der Plattenbausiedlung Halle-Neustadt. Neben einem festen Gebäude stand für die Offene Arbeit ein Bauwagen mit Sofa und Tonbandgerät zur Verfügung, den die Jugendlichen für ihre Treffen nutzen konnten. Durch das umgebende Grün und den grünen Farbanstrich stellte der Bauwagen eine „Oase“ in der architektonischen Monotonie der Neubaublöcke dar. In diesem als geschützt wahrgenommenen Raum diskutierten die Heranwachsenden nicht nur private Probleme, sondern auch politische Themen wie die Einberufung junger Männer zur NVA und den Vorschlag eines Sozialen Friedensdienstes (SoFD). Aktiv beteiligte sich die Junge Gemeinde an der Initiative „Schwerter zu Pflugscharen“, indem sie 1981 den Beschluss zur Friedensdekade in Dresden unterstützte. Die Offene Arbeit im Neubaugebiet prägte Josephine Keßling, indem sie zu ihrer Politisierung beitrug. Sie fuhr 1981 als Abgeordnete der OA Halle-Neustadt nach Dresden zu einem Treffen in der Weinbergsgemeinde, in der Möglichkeiten des Sozialen Friedensdienst eruiert wurden. Im selben Jahr verfasste die damals 19jährige einen Offenen Brief an den Ministerrat, in dem sie u. a. die Zustände im Frauengefängnis Halle ansprach und sich positiv auf die freie polnische Gewerkschaft Solidarnosc bezog. Wegen der Brisanz des Inhalts schickte sie das Dokument jedoch nicht ab, sondern versteckte es in ihrer Wohnung.

Eine ernüchternde Erfahrung in der Offenen Arbeit in der Großwohnsiedlung war für Josephine Keßling die Menge an Problemen bei den Jugendlichen aus der Halle-Neustadt, aber auch aus der Altstadt Halles, die in der Jungen Gemeinde aufeinandertrafen. 1981 stellte die junge Frau, die offen von der Stasi observiert wurde, aus Angst vor Inhaftierung einen Ausreiseantrag. Nach mehrfacher Wiederholung der Antragstellung wurde die Ausreise 1983 schließlich bewilligt.

Im christlichen Hauskreis in Neulobeda trafen vor allem junge Familien aufeinander. Die Väter und Mütter arbeiteten beim VEB Carl Zeiss oder waren Angestellte der Friedrich-Schiller-Universität. Maßgeblich für die Beteiligung am Hauskreis war der Wunsch, mit Gleichgesinnten zusammen zu kommen und sich auszutauschen. Für Maria Mothes war dies ein „Grundbedürfnis, um in dieser Zeit standzuhalten und den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren“. Die Arbeit des Hauskreises wirkte gegen Anonymität in den Neubauten, indem sie für Verbundenheit zwischen den Teilnehmenden sorgte. Der Kreis suchte darüber hinaus guten Kontakt zu allen Hausbewohnern. Neue Mitglieder wurden persönlich angeworben, indem eine von der katholischen und der evangelischen Kirche zusammengestellte Gruppe zu Beginn der Hauskreisarbeit Anfang der 1970er Jahre anhand persönlicher Besuche nach dem religiösen Interesse der BewohnerInnen fragte, über die Arbeit des Kreises informierte und zu den Treffen einlud. Interessierte wurden später per Handzettel zu den Treffen eingeladen.

Auch wenn es sich um eine Form der kirchlichen Gemeindearbeit handelte, konnten vor dem Staat-Kirche-Gespräch von 1978 zwischen Erich Honecker und dem Vorsitzenden der Konferenz der evangelischen Kirchenleitungen, Albrecht Schönherr, die Treffen nicht als kirchliche Arbeit deklariert werden - stattdessen wurden sie als private Zusammenkünfte ausgegeben. Die Themen für die Hauskreistreffen wurden jedoch nicht von den teilnehmenden Familien, sondern von hauptamtlichen Kirchenmitarbeitern ausgesucht. Es handelte sich um Themen, die das Glaubensbekenntnis in der gesellschaftlichen Gegenwart in der DDR der 1970er und 1980er Jahre verorteten und „zum Leben dienen“, also auch konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigen sollten. Die Bibel wurde befragt nach „Richtungsweisendem für das eigene Leben“. Es ging um zunächst um eine Realitätsbeschreibung, aber auch um Visionen für die Zukunft. Diskutiert wurden z. B. Erziehungsfragen und die Diskriminierung im Bildungswesen, aber auch die Frage nach der Notwendigkeit von Kirchen in Neubaugebieten und der Ansatz, Kirche für Andere zu sein trotz der Benachteiligung von Christen in Vergangenheit und Gegenwart. Vorbereitet wurden die Themen von den Teilnehmenden im Dialog. Teilweise wurden Fachleute eingeladen, Vorträge zu halten.

Der Hauskreis übernahm eine Sozialisationsfunktion, die die an die SED angebundenen Vereinigungen und Organisationen wie FDGB, Kulturbund usw. nicht leisten konnten: Die Gruppenarbeit kam ohne eine Hierarchisierung und ohne politisch-ideologische Bevormundung aus. Sie trug basisdemokratische Züge, indem sie einen Austausch der Teilnehmenden auf Augenhöhe ermöglichte und zur Herausbildung und Artikulation einer eigenen Meinung beitrug. Eingeübt werden konnte das Ernstnehmen und Aushalten unterschiedlicher Positionen. Die besondere Situation, dass die Treffen bis zur Eröffnung des Martin-Niemöller-Gemeindezentrums 1983 in privaten Wohnungen stattfanden, schuf laut Maria Mothes „geistige Freiräume“. Der private Rahmen sorgte dafür, dass die Hauskreisteilnehmer sich unbeobachtet fühlten, was eine Atmosphäre für „freies Denken“ und einen freimütigen Austausch schuf. Erst nach der ‚Wende‘ 1989/90 erfuhren Maria Mothes und ihr Mann, dass das Ministerium für Staatssicherheit IM in den Kreis eingeschleust hatte. Auf Heinrich Mothes, der im Kombinat VEB Carl Zeiss in der sensiblen Laserforschung tätig war, waren – wie nach 1990 aus den BStU-Akten hervorging – insgesamt sieben Spitzel angesetzt. Zwei von ihnen überwachten die Aktivitäten des Hauskreises. 

Im Publikumsgespräch wurden weitere Erfahrungen mit privaten, auch nicht-christlichen Arbeitskreisen, aber auch nachbarschaftlichen Freundschaften und Hilfestellungen im Neubaugebiet geteilt. So berichtete ein Besucher von einem in den 1970er Jahren privat organisierten Gesprächskreis mit chilenischen Emigranten in Lobeda West.

Auch wenn seit 1983 mit dem Niemöllerhaus eine Infrastruktur für die Gemeindearbeit in Neulobeda besteht, werden die Treffen des christlichen Hauskreises in veränderter Form bis in die heutige Zeit fortgeführt.