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9. August 2018

Bericht zum Zeitzeugen-Podium "'Wir haben den Begriff des Volkseigentums beim Wort genommen' - Schwarzwohnen in der DDR"

Im Café Wagner diskutierte der Historiker Udo Grashoff mit den Zeitzeugen Jörg Zickler und Ralf Hedwig

Am Donnerstag, den 5. Juli diskutierte der Historiker Dr. Udo Grashoff mit den Zeitzeugen Jörg Zickler und Dr. Ralf Hedwig über das Thema „Schwarzwohnen in der DDR“.

Jörg Zickler, 1965 in Gotha geboren und in Lobeda aufgewachsen, besetzte 1983 im Alter von 18 Jahren mit einem Freund ein leerstehendes Haus in der Zwätzengasse 7, das die jungen SchwarzwohnerInnen später als „Autonome Republik Zwätzengasse“ bezeichneten. Ralf Hedwig, 1956 in Jena geboren, kehrte Anfang der 1980er Jahre in die Saalestadt zurück, um Medizin zu studieren. Ab 1986 wohnte er schwarz in der Quergasse 12, in der er gemeinsam mit anderen Studierenden einen Paketpackkreis zur Unterstützung Notleidender in Nicaragua und anderen Entwicklungsländern gründete.

Udo Grashoff stellte seine Beobachtung zur Diskussion, dass viele Schwarzwohner nicht unbedingt dem oppositionellen Milieu entstammten, sondern dass es sich bei ihnen oft um konform lebende DDR-BürgerInnen handelte. Häufig versuchten diese, ihr Mietverhältnis durch Einzahlungen auf das Konto der Wohnungsverwaltung zu legalisieren.
Der Podiumsteilnehmer Jörg Zickler bildete von dieser Beobachtung eine Ausnahme, da er schon vor seinem Schwarzeinzug 1982 mit der Jungen Gemeinde Stadtmitte in Berührung gekommen war und im dortigen Umfeld eine systemkritische Haltung entwickelte. Den Schwarzeinzug in die Zwätzengasse bezeichnete Zickler als „Besetzung“, die für ihn auch zum damaligen Zeitpunkt schon einen politischen Akt darstellte. Die Suche nach Freiraum für unangepasste Lebensentwürfe und oppositionelle Aktivitäten habe bei den jugendlichen Hausbesetzern im Vordergrund gestanden.
Dies widersprach aus Sicht Zicklers nicht dem Versuch, über mehrmonatiges Überweisen eines „Fantasiebetrags“ an die Kommunale Wohnungsverwaltung das Mietverhältnis zu legalisieren. Nachdem sie nie eine Rückmeldung erhielten, stellten die jungen Erwachsenen die Zahlungen ein, was keine Konsequenzen nach sich zog, sondern von den städtischen Behörden ignoriert wurde.

Die Zwätzengasse 7 bot Raum für unangepasste junge Menschen: Zusätzlich zu den sechs Leuten, die vier Zimmer bewohnten, waren ständig 20-30 Besucher aus dem Umfeld der Jungen Gemeinde Stadtmitte zu Besuch. Die BewohnerInnen und ihre Gäste spielten Tischtennis, hörten Musik, schrieben selbst Songtexte und veranstalteten neben regelmäßigen Frühstücken für „Arbeitslose“, also für gesellschaftliche Außenseiter mit „Aussteigerjobs“, u. a. einen Abend zum Thema „Ausreise“. Darüber hinaus gingen von der Zwätzengasse 7 selbstorganisierte Aktionen wie das Jenaer Open air-Frühstück (https://www.jugendopposition.de/material/142440/jugend-in-jena?video=145112) und eine Floßfahrt auf der Saale hervor, die die staatlichen Behörden unter dem Deckmantel der „Gefährdung von Ordnung und Sicherheit“ unterbanden.

Ralf Hedwig beteiligte sich zwar während seiner Zeit in der Quergasse 12 mit der Gründung des Paketpackkreises (ab 1987 „el camino“) an der Entstehung einer alternativen Solidaritätsgruppe; er selbst betrachtete sich jedoch weder damals noch im Rückblick als „oppositionell“. Auch seinen Einzug in die Quergasse bezeichnet er als „nichts Heroisches – wir haben nichts besetzt“. Es habe sich bei dem Haus um Wohnungen gehandelt, in die niemand einziehen wollte. Für ihn handelte es sich eher um ein „Instandwohnen“: die SchwarzwohnerInnen  kümmerten sich um die Instandhaltung der Wohnungen, zahlten dafür aber keine Miete. Auch dieser illegale Bezug ohne Mietvertrag wurde von der Kommunalen Wohnungsverwaltung hingenommen. Dass die Wohnungsbehörden SchwarzwohnerInnen nach ihrem Einzug oft nachträglich eine schriftliche Erlaubnis erteilten, die Wohnung zu beziehen, spiegelt - wie Udo Grashoff hervorhob - die widersprüchliche rechtliche Lage, in der sich die Behörden befanden: Einerseits stellte der Schwarzbezug laut Wohnraumlenkungsverordnung eine Ordnungsstraftat dar, andererseits untersagte das Zivilgesetzbuch die Räumung von Wohnraum.

Entsprechend dieser Gesetzeslage scheint es nicht verwunderlich, dass SchwarzwohnerInnen sehr unterschiedliche Erfahrungen mit den Behörden machten. Während die BewohnerInnen der Quergasse trotz einer Vorsprache beim Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei keine Konsequenzen wegen ihres Schwarzwohnens zu tragen hatten und auch die Akteure aus der Zwätzengasse 7 nicht zur Verantwortung gezogen wurden, berichtete Andreas Ilse aus dem Publikum heraus, dass in seinem Bekanntenkreis in den 1980er Jahren mehrere Personen wegen Hausbesetzungen belangt worden seien. Ihm selbst sei in einem Fall mit der Exmatrikulation gedroht worden, sollte er nicht aus der schwarz bezogenen Wohnung am Jenaer Johannisplatz ausziehen. In einem anderen Fall habe er noch im Dezember 1989 in Halle im Zuge eines Ordnungsstrafverfahrens 500 Mark zahlen müssen.