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30. Juli 2018

Bericht zum Zeitzeugen-Podium "Ruinen schaffen ohne Waffen" - Verfall der ostdeutschen Innenstädte im Fokus der DDR-Opposition

Christian Feigl und Matthias Sengewald (v.l.) im Gespräch mit Katharina Kempken (ThürAZ)

Am Donnerstag, den 28. Juni 2018 kamen in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt die Zeitzeugen Christian Feigl und Matthias Sengewald ins Gespräch zum Thema „ ‚Ruinen schaffen ohne Waffen‘ – Verfall der ostdeutschen Innenstädte im Fokus der DDR-Opposition“. Christian Feigl gründete 1983 im Alter von 18 Jahren in Halle die „Denkmalschutzgruppe Innenstadt“ mit, deren erstes selbstgestecktes Ziel es war, den Renaissancefriedhof Stadtgottesacker vor dem Verfall zu bewahren. Nach Gesprächen mit dem Stadtarchitekten Wulf Brandstädter siedelte sich die Gruppe aus pragmatischen Gründen bei der Gesellschaft für Denkmalschutz im Kulturbund der DDR an.

Matthias Sengewald beteiligte sich 1986 an der Gründung der „Arbeitsgruppe Stadt- und Wohnumwelt“ in Erfurt, die sich gegen umfangreiche Rekonstruktions- bzw. Abrisspläne für das mittelalterliche Andreasviertel einsetzte. Die Idee zur Gründung der Gruppe entwickelte sich während eines Themenabends der Offenen Arbeit der Evangelischen Kirche. Die Initiative siedelte sich bewusst bei der evangelischen Stadtmission an, um einer Behinderung ihrer Arbeit durch staatliche Behörden aus dem Weg zu gehen.

Beide Gruppen versuchten, die lokale Öffentlichkeit für ihre Anliegen zu sensibilisieren. Die AG Stadt- und Wohnumwelt organisierte eine Ausstellung zum Thema „Stadtgerechter Verkehr – Verkehrsgerechte Stadt“, die von Mai bis Juli 1987 in der Erfurter Michaeliskirche gezeigt wurde und dort hohe Besucherzahlen erreichte. In einem Gästebuch sammelte die Gruppe Stellungnahmen der BesucherInnen und verfasste, darauf basierend, Eingaben an den Rat der Stadt, die zuständigen Ministerien und den Staatsratsvorsitzenden, in denen sie sich gegen den Verfall denkmalgeschützter Gebäude und gegen die umfangreichen Neugestaltungspläne der Stadt aussprachen. In mehreren anderen Städten wurden ähnliche Ausstellungen organisiert, die u. a. von Akteuren aus Halle wahrgenommen und besucht wurden. Die Hallenser Denkmalschutzgruppe Innenstadt brachte ihre Anliegen an die Öffentlichkeit, indem sie nach der Besetzung und Instandsetzung eines verlassenen Hauses am Markt ein Schaufenster im Erdgeschoss als Ausstellungsfläche für ihre Anliegen nutzte.

Der Versuch, Öffentlichkeit zu schaffen, ging sowohl in Halle als auch in Erfurt einher mit dem Anliegen, die städtische Baupolitik mitzugestalten. Die Mitglieder beider Initiativen suchten den Dialog mit der städtischen Verwaltung, so z. B. mit Vertretern der Plankommissionen und Mitgliedern der Räte der Städte für Wohnungswirtschaft und Verkehrswesen, mit dem jeweiligen Stadtarchitekten, dem Institut für Denkmalpflege und den Wohnungsbaukombinaten. In Erfurt etablierte sich 1987 auf den Erfolg der Ausstellung in der Michaeliskirche hin ein Gespräch im Rathaus, zu dem Oberbürgermeisterin Rosemarie Seibert einlud. Das Gespräch war zugänglich für alle BürgerInnen. Wie Matthias Sengewald berichtete, gestaltete es sich allerdings nicht ergebnisoffen, sondern diente dazu, die Rekonstruktionspläne der Stadt für das Andreasviertel der Öffentlichkeit vorzustellen. Im Rahmen der Gespräche, die sonntags vormittags angesetzt wurden und damit KirchgängerInnen als potentielle TeilnehmerInnen ausschlossen, wurden Forderungen der AG Stadt- und Wohnumwelt nicht aufgegriffen. Erst beim letzten „Rathausgespräch“ am 15. Oktober 1989 war laut Matthias Sengewald eine deutliche Änderung der Gesprächsführung zu spüren. Erst eine Menschenkette um den Erfurter Innenstadtring am 10. Dezember 1989 unter dem Motto „Ein Bürgerwall für unsere Altstadt“ führte jedoch aufgrund des überregionalen und westdeutschen Medienechos letztlich zum Stopp der Abrisspläne. Organisiert hatte die Kette die Interessengemeinschaft „Alte Universität“.

Erfolge brachte die Arbeit der Initiativen sowohl in Halle als auch in Erfurt hervor. Wie Christian Feigl beschrieb, waren den Hallensern bei Sicherungs- und Reparaturarbeiten an vernachlässigten und durch Leerstand gefährdeten Häusern zwar beständig „die Bagger auf den Fersen“ – teilweise wurden Häuser abgerissen und nachträglich von der Denkmalschutzliste entfernt –, aber mindestens vier denkmalgeschützte Häuser konnte die Gruppe bis 1990 vor Verfall und Abriss retten.

Die Akteure der Arbeitsgruppe Stadt- und Wohnumwelt in Erfurt brachten sich in den am 15. November 1989 konstituierten Runden Tisch „Arbeitskreis Innenstadt“ ein und erreichten im Gespräch mit anderen betroffenen BürgerInnen, PolitikerInnen und Baufachleuten Konsens über eine Neubewertung des Altbaubestands im Andreasviertel. Bei einer Begehung am 22. und 23. November wurde sowohl der Abrissstop vereinbart als auch die Sicherung erhaltenswerter Gebäude. In Wochenendeinsätzen sicherten die Mitglieder der Arbeitsgruppe daraufhin vom Verfall bedrohte Gebäude.

Nach der Eigenwahrnehmung der Gruppen gefragt, ergaben sich zwei unterschiedliche Sichtweisen: Christian Feigl erklärte, die Denkmalschutzgruppe Innenstadt habe schon in den 1980er Jahren diskutiert, ob sie sich als „oppositionell“ einordne – und habe sich dagegen entschieden. Ihr Anliegen sei es gewesen, „Häuser zu retten“ und Öffentlichkeit für Verfall und Abrisspläne zu schaffen.  Die Arbeit der Arbeitsgruppe Stadt- und Wohnumwelt bewertete Matthias Sengewald hingegen rückblickend als oppositionell, da sie sich inhaltlich im Widerspruch zur Staatspolitik befunden habe und Andersdenken in der SED-Diktatur per se zum Politikum geworden sei.

Die Frage, ob der Altstadtverfall als ein Element zu werten ist, das mit zur Entstehung der Proteste im Herbst 1989 beitrug, beantworteten beide Zeitzeugen vorsichtig: Christian Feigl schätzt das Thema als einen von vielen Bausteinen ein, der mit zur Entwicklung der Friedlichen Revolution geführt haben könnte. Die Diskrepanz von offizieller Darstellung und wahrgenommener Wirklichkeit sei im Bereich des Bauens und Wohnens, aber auch in vielen anderen gesellschaftlichen Teilbereichen Grund für die steigende Unzufriedenheit der DDR-BürgerInnen gewesen.

Weitere Informationen zu den Initiativen in Erfurt und Halle:
www.gesellschaft-zeitgeschichte.de/geschichte/buergerinitiative-altstadt/
aki-halle.de