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15. Mai 2018

Bericht zur Veranstaltung "Jena-Neulobeda: Alltag in einer 'sozialistischen Modellstadt' der späten Ulbricht-Ära"

Fotos: ThürAZ

Zum Auftakt der Veranstaltungsreihe „Leben auf der Baustelle?! – Bauen und Wohnen in der DDR“ lud das ThürAZ am 3. Mai zu einem Vortrag und Zeitzeugengespräch über die städtebauliche Entwicklung Jenas in den 1960er Jahren ein. Die Veranstaltung fand in den Räumen des Jenaer Stadtmuseums statt und wurde von der freien Journalistin Doris Weilandt moderiert.

Der Stadthistoriker, Dr. Rüdiger Stutz, eröffnete die Diskussion über die Auswirkungen des Umbaus der Jenaer Innenstadt und der Errichtung der Plattenbausiedlungen in Neulobeda mit einem Impulsreferat über die Leitlinien der Städtebaupolitik der SED-Parteiführung.

Die Haltung der SED-Parteileitung im Bereich des Städtebaus erwies sich insgesamt als höchst widersprüchlich. Forderungen nach einer ökonomisch rationalen Gestaltung des Bauprogramms kontrastierten mit dem Anspruch, eine umfassende „sozialistische Modellstadt“ mit „regionalspezifischem Charakter“ zu konstruieren. So sollten beispielsweise bei der Errichtung der neuen Wohngebiete insbesondere bereits vorhandene Flächen genutzt werden, um dem chronischen Wohnungsmangel nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Ressourcen besser begegnen zu können. Aus diesem Grund konzentrierten sich auch die Überlegungen zur Errichtung einer neuen „Forumsuniversität“ in Jena auf die bereits in Planung bzw. im Bau befindlichen Wohnareale in Neulobeda.
Gleichzeitig bildete der Rückgriff auf ortstypische Symbole ein weiteres wichtiges Element innerhalb des Kalküls der Städteplaner in der DDR. Im Mittelpunkt der „Bildzeichenarchitektur“ stand dabei die Ausarbeitung spezifischer bautechnischer Formen zur Vergegenwärtigung besonderer städtischer Verdienste. Während die Verlagsstadt Leipzig auf diese Weise mit einem Hochhaus bedacht wurde, dessen Silhouette einen  Bezug zum hiesigen Verlagswesen vermuten ließ, erhielt Jena mit dem „Forschungsneubau 71“ inmitten des historischen Eichplatzes einen Turm, der die Verbindung zur optischen Industrie symbolisieren und dem VEB Carl Zeiss neue Räumlichkeiten bieten sollte.

Der Kontrast zwischen politisch-architektonischen Ansprüchen und ökonomischen Ressourcen führte im Verlauf der Umsetzung des Wohnungsbauprogramms zu zahlreichen Anpassungen der ursprünglichen Baupläne. Hinzu kam im Falle Jenas die Überlappung der Errichtung von Wohnblöcken mit Bauprojekten für die optischen Betriebe und die Universität Jena. Daher war die SED-Parteileitung beispielsweise gezwungen, von der Errichtung der geplanten „Forumsuniversität“ in Neulobeda Abstand zu nehmen, da die vorhandenen Flächen letztlich für den Wohnungsbau freigegeben wurden. Zugleich mussten Bauvorhaben in der Jenaer Innenstadt an die städtische Peripherie verlagert werden, da innerorts die praktischen Voraussetzungen für die Umsetzung der Baupläne nicht gegeben waren. Auch verhinderte die Errichtung eines städtischen Krankenhauses in der Bezirkshauptstadt Gera einen weitflächigen Ausbau des Klinikums der Friedrich-Schiller-Universität.

Die kaum lösbaren Widersprüche zwischen den geplanten Dimensionen, vorhandenen Möglichkeiten und dem Leitbild einer Einheit von gleichförmiger und zugleich individuell-künstlerischer Konstruktion verdeutlicht auch das Projekt einer „Einschienenbahn“ in Jena. Die entsprechenden Entwürfe lehnten sich an Modelle in den USA und Japan an, wobei die Städteplaner auch an den Bau von Tunneln und die Einrichtung mehrerer Haltestellen im Gebiet zwischen Jena-Löbstedt und den neuen Industrieanlagen in Göschwitz dachten. Eine praktische Erprobung dieser infrastrukturellen Lösung zur Entlastung des Nahverkehrs blieb jedoch aus.

Die an das Impulsreferat anschließende Diskussion mit dem an der Errichtung Neulobedas beteiligten Maschinenschlosser Karl Otto zeigte, dass der dem Wohnungsbauprogramm inhärente Widerspruch zwischen politisch-ideologischen Visionen, wirtschaftlichen Interessen und baulicher Ausführung auch das Alltagsleben der Bewohner nachhaltig prägte und die Auswirkungen der städtebaulichen Veränderungen in der DDR deshalb von den Zeitzeugen zwiespältig bewertet wurden.

So führte die Errichtung der Plattenbausiedlungen insbesondere aufgrund einer spürbaren Modernisierung traditioneller Wohnverhältnisse in der DDR  und des staatlich erwünschten Effekts eines verstärkten gesellschaftlichen Austausches zwischen den neuen Bewohnern zu einer sozialen „Entlastung“. Viele Bewohner tauschten das in den neuen Wohnblöcken vorhandene regelmäßige und kostengünstige Angebot an Warmwasser und Fernwärme gern gegen die mit Öfen ausgestatteten verfallenden Räumlichkeiten in den Altbauten der Innenstadt. Parallel sorgte die Begrenztheit bzw. Kontrolle der individuellen Freizeitangebote in den neuen Wohnsiedlungen dafür, dass die Mieter einen größeren Anteil an dem Alltagsleben ihrer Nachbarn nahmen und auch auf diese Weise die Einengung ihres eigenen Handlungsspielraums abgeschwächter wahrnahmen. 

Der Aufwertung der eigenen Lebensverhältnisse vor dem Hintergrund beschränkter Auswahlmöglichkeiten und der Nutzung sozialer Kontakte stand die negative Bewertung staatlicher Effizienz und Fürsorge bei der infrastrukturellen und ästhetischen Gestaltung der Wohngebiete gegenüber. Bei der Beschränkung der Wohnraumvergabe zeigte sich das oft bekundete Missfallen der Bevölkerung gegenüber der stilistischen Konstruktion der Plattenbausiedlungen. Karl Otto und seine Frau erwogen beispielsweise zunächst die Anmietung einer Wohnung in der Innenstadt und zogen erst nach Neulobeda, als sich die Nutzung der zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten als aussichtslos erwies. Auch die schleppende Anbindung der neuen Wohngebiete an den städtischen Verkehr und die zögerliche Aufwertung Neulobedas durch Freizeitanlagen, z. B. Kinderspielplätze, riefen Unmut unter den Bewohnern hervor.

Analog zum Modell der „sozialistischen Modellstadt“ verblieb das Alltagsleben in Jena-Neulobeda somit den Bahnen einer provisorischen Konstruktion, deren Mängel den Bewohnern nach der Wiedervereinigung anhand der mangelnden äußeren Attraktivität der Plattenbauten und des Wegfalls der zuvor staatlich kontrollierten Freizeitangebote umso drastischer ins Auge fielen.

Christoph Matthes