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12. Dezember 2017

Bericht zum Podium "Wie umgehen mit der Vergangenheit? Der 9. November als Herausforderung und Chance"

Im Volksbad diskutierten die PodiumsteilnehmerInnen über den Umgang mit dem 9. November als Gedenktag. Foto: Katharina Kempken

Anfang 2017 begann der Künstler für Andere e. V. als Träger des Thüringer Archivs für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ (ThürAZ) gemeinsam mit PartnerInnen aus anderen Jenaer Vereinen und Institutionen, ein Programm unter dem Motto „Tag und Nacht der Demokratie“ für den 9. November zu organisieren. Dieses sollte an unterschiedlichen Orten in der Jenaer Innenstadt stattfinden und damit eine Anmeldung rechtsradikaler Kundgebungen wenn nicht verunmöglichen, so zumindest erschweren. Bereits im Vorjahr hatten zivilgesellschaftliche Akteure in Reaktion auf den genehmigten Fackelmarsch der „Thügida“ durch das Damenviertel ein gedenkkulturelles Programm zusammengestellt. Dieses sollte BürgerInnen, die sich nicht an Gegenprotesten beteiligen konnten oder wollten, ermöglichen, Gesicht zu zeigen. „Thügida“ hatte die damalige Kundgebung unter dem Vorwand angekündigt, den Mauerfall vom 9. November 1989 thematisieren zu wollen.


Die Projektbeteiligten wollten sowohl 2016 als auch 2017 inhaltlich deutlich machen, dass es keine einseitige Deutungshoheit über den Umgang mit dem 9. November geben kann, sondern eine differenzierte Betrachtung der unterschiedlichen Ereignisse, Prozesse und Zäsuren nötig ist, für die der 9. November steht. Die Veranstaltungen, für die die Initiativen jeweils selbst die inhaltliche Verantwortung trugen, sollten der städtischen Bevölkerung eine breite Auseinandersetzung ermöglichen. Dass das zentrale Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht und des Holocaust im Mittelpunkt stehen sollte, war unumstritten.


Beim Programm „Tag und Nacht der Demokratie“ handelte es sich um den Versuch, die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert unter dem roten Faden der Demokratieentwicklung zu betrachten und anhand des 9. November zu erzählen.


Um eine öffentliche Diskussion über die inhaltliche und formale Gestaltung des 9. November in Jena und damit auch eine Debatte über die angedachten Formen des Mahnens und Gedenkens zu ermöglichen, organisierte der Künstler für Andere e. V. zusammen mit der Geschichtswerkstatt Jena e. V. am Vorabend des 9. November ein Podium unter dem Titel „Wie umgehen mit der Vergangenheit? Der 9. November als Herausforderung und Chance“.


In einem Impulsvortrag zeigte Stadthistoriker Dr. Rüdiger Stutz auf, wie im geteilten Deutschland und auf lokaler Ebene in Jena in den 1980er Jahren an den Holocaust erinnert wurde. In Jena organisiert seit 1985 der Arbeitskreis Judentum das Gedenken. Erst 1988 nahm die Erinnerung an den Holocaust auch auf staatsoffizieller Ebene in der DDR einen Platz ein. In der Bundesrepublik war die Erinnerungskultur geprägt durch einen Einschnitt, den eine 1985 gehaltene Rede Richard von Weizsäckers darstellte. Der damalige Bundespräsident bezeichnete darin die Erinnerungspolitik auf staatlicher und individueller Ebene als eine nie abzuschließende Aufgabe, womit er sich von der „Vergangenheitsbewältigung“ im Sinne Helmut Kohls abhob.

Für die lokale Ebene nannte Rüdiger Stutz die Aufgabe aktuell, das mahnende Gedenken der letzten 30 Jahre weiterzuführen, auch wenn es immer weniger Zeitzeugen gebe. Neue Formen einer partizipativen und kreativen Erinnerungskultur müssten gefunden werden, um auch ein jüngeres Publikum zu erreichen.


Im darauf folgenden Podiumsgespräch diskutierten unter der Moderation von Henry Bernhard (Deutschlandfunk) und Dr. des Franziska Schmidtke (Zentrum für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration) vier GesprächsteilnehmerInnen miteinander. Christian Franke hatte am Vortag einer Thügida-Kundgebung im August 2016 im Damenviertel die Straßenmalaktion „Kreide gegen Dummheit“ mit initiiert, Christoph Lammert ist für die Mobile Beratungsstelle für Demokratie – gegen Rechtsextremismus (Mobit e. V.) aktiv, Thomas Ott hat als Rechtsanwalt und Mitglied des legal teams das Jenaer Aktionsnetzwerk gegen Rechtsextremismus begleitet, Dr. Jeannette van Laak beschäftigte sich als Historikerin mit der Umdeutung der Geschichte durch Rechtspopulisten  und konnte als Studierende an der FSU in den 1990er Jahren die Debatten um den 9. November in Jena vor Ort mitverfolgen.


In dem Gespräch ging es um die Frage, welche Formen des Protests gegen Rechtsextremismus angemessen erscheinen. Während Christian Franke im August 2016 auf Facebook einen Offenen Brief an den Thügida-Vorsitzenden David Köckert veröffentlichte und dieser in einer Videobotschaft mit dem Angebot zum Dialog reagierte, hält Mobit-Vertreter Christoph Lammert eine Diskussion mit Rechtsradikalen im öffentlichen Raum für problematisch. Stattdessen sei es wichtig, „klare Kante zu zeigen“ und deutlich zu benennen, welche Äußerungen nicht mehr durch das Recht auf Meinungsfreiheit geschützt seien und sich außerhalb des demokratischen Diskurses befänden.
Darüber hinaus diskutierte das Podium, welche Formen des Gedenkens am 9. November möglich und adäquat seien. Das Programm „Tag und Nacht der Demokratie“, das neben den nationalsozialistischen Pogromen von 1938 auch andere historische Ereignisse wie die Öffnung der Grenzübergänge an der Berliner Mauer am 9. November 1989 einbezog, betrachteten Christoph Lammert und Gäste aus dem Publikum mit Bedenken, da sie darin die Gefahr einer Verharmlosung bzw. sogar einer Relativierung der Shoah erkannten.

Dr. Jeannette van Laak hielt es hingegen für problematisch, andere mit dem 9. November verbundene geschichtliche Zäsuren an diesem Tag auszublenden. Prinzipiell spiegele der Projektansatz die Pluralität und Komplexität der modernen Gesellschaft wider. Wichtig sei jedoch, dass die lokalen Akteure bei diesem „Spagat“ beständig im Austausch blieben. Thomas Ott bewertete das Gesamtprojekt als legitimen Versuch, einen breiten Teil der städtischen Bevölkerung anzusprechen. Für ihn erscheinen weniger die Jahreszahlen relevant, sondern vielmehr sich durch die Geschichte ziehende und die Gegenwart betreffende Fragen nach Demokratie, Totalitarismus, Nationalismus und Rassismus. Christoph Lammert war der Auffassung, bei der Frage nach Kontinuitäten und fortwirkenden Ideologien und den daraus folgenden Konsequenzen für die Gestaltung von Politik und Gesellschaft könne eine Behandlung der unterschiedlichen historischen Ereignisse innerhalb eines Programms nicht funktionieren.


Kritisch hinterfragt wurden von Teilen des Publikums die kreativen Formen des Gedenkens, wie sie u. a. im Projekt „Klang der Stolpersteine“ umgesetzt wurden. Im Rahmen der Aktion gaben MusikerInnen Konzerte an den Stolpersteinen und spielten abschließend an den verschiedenen Standorten das jiddische Lied „Dona dona“, in dem metaphorisch der Holocaust thematisiert wird. Dr. Jeannette van Laak nahm diese Form des Gedenkens als angemessen wahr, da Musik als nonverbales Element der Vermittlung Bewusstseinsebenen jenseits des Rationalen anspreche. Es könne sich ein Gefühl des friedlichen Miteinanders einstellen. Der Charakter des Gemeinschaftlichen, den auch Christian Franke bei der Kreideaktion im Damenviertel beobachtet hatte, dürfe – wie Christoph Lammert unterstrich – an einem Gedenktag allerdings nicht im Vordergrund stehen.


Insgesamt zeigte das Podium, wie dringend erforderlich eine Weiterführung der Debatte über den gedenkkulturellen Umgang mit dem 9. November zu sein scheint. Die Veranstaltung stellte einen Impuls dar, die in diesem Jahr von zivilgesellschaftlichen Akteuren gewählten Formen des Gedenkens inhaltlich und strukturell zu reflektieren und zwischen den Projektbeteiligten und anderen engagierten Akteuren einen konstruktiven Austausch zu suchen.