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06. Juni 2017

Bericht zum Podium "'Die ham se sozusagen aus dem Busch geholt' - Alltagsrassismus und Fremdenfeindlichkeit in der DDR"

Dr. Patrice Poutrus (1. v. l.), Heiner Sandig (3. v. l.) und Dr. Ulrike Heß-Meining (4. v. l.) diskutierten mit Dr. Annegret Schüle über Alltagsrassismus und Fremdenfeindlichkeit in der DDR

Über die Ursachen von Ressentiments und diskriminierendem Verhalten gegenüber Ausländern in der DDR sprach im Rahmen eines Podiums im Jenaer Stadtmuseum die Historikerin Dr. Annegret Schüle mit dem ehemaligen Ausländerbeauftragten des Freistaats Sachsen, Heiner Sandig, sowie der Sozialwissenschaftlerin Dr. Ulrike Heß-Meining und dem Historiker Dr. Patrice Poutrus.

Ähnlich wie die Bundesrepublik sah die DDR für ausländische Vertragsarbeitskräfte in der DDR einen zeitlich begrenzten Aufenthalt vor. Nach dem Rotationsprinzip sollten die Arbeitskräfte nach zwei bis vier Jahren in ihre Heimatländer zurückkehren. Eine Integration in die DDR-Gesellschaft war nicht beabsichtigt, der Aufbau sozialer Beziehungen zwischen ausländischen VertragsarbeiterInnen und Einheimischen nicht erwünscht. Die Vertragsarbeiterkräfte wurden in eigenen Wohnheimen untergebracht, die Aufnahme von Kontakten zu ihnen außerhalb des Betriebs unterlag einer Genehmigungspflicht. Diese "institutionalisierte Segregation" (Dennis Kuck) ging einher mit einem Informationsdefizit: Weder über die Gründe, noch über die Bedingungen des Aufenthalts von AusländerInnen in der DDR wurde die Bevölkerung informiert. Wie Annegret Schüle erläuterte, trug diese Intransparenz dazu bei, dass Vorurteile und Sozialneid entstehen konnten. Im Alltag waren ausländische Vertragsarbeitskräfte oft diskriminierendem Verhalten ausgesetzt: Vom bevormundenden Umgang durch KollegInnen oder Vorgesetzte, den Annegret Schüle in einer Studie über den VEB Baumwollspinnerei Leipzig zeigte, bis hin zu Anfeindungen auf offener Straße. In Gewalttaten schlugen sich fremdenfeindliche Einstellungen in 700 dokumentierten Fällen nieder, wie aktuellere Forschungsergebnisse belegen (Waibel, Harry: Der gescheiterte Anti-Faschismus der SED. Rassismus in der DDR, Frankfurt/Main 2014).

Mit den historischen Ursachen von Fremdenfeindlichkeit in der DDR beschäftigte sich Ulrike Heß-Meining. Sie hielt in einem 2011 erschienenen Artikel fest, dass aufgrund der propagierten "Ausrottung des deutschen Militarismus und Nazismus" eine tiefergreifende Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der DDR ausblieb. Eine öffentliche Diskussion von Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus in der DDR habe dieser Linie entsprechend nicht stattgefunden. Die Begrenztheit interkultureller Kontaktmöglichkeiten habe darüber hinaus verhindert, dass sich eine Vertrautheit im Umgang mit Fremden einstellen konnte.
Damit greift Ulrike Heß-Meining eine These auf, die Patrice Poutrus mit anderen Forschern des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung bereits in dem 2003 erschienenen Band "Fremde und Fremd-Sein in der DDR" aufgestellt hatte. Weiter nahm die Gruppe an, AusländerInnen seien in als Symbol sozialistischer Herrschaft wahrgenommen worden, da ihre Präsenz an die Interessen der SED gekoppelt war. Ein weiterer Aspekt sei, dass die deutsche Nation ein mentaler Bezugspunkt für das SED-Regime und die DDR-Bevölkerung blieb, wobei der Begriff der Nation ethnische Homogenität beinhaltete. Schließlich habe die SED Kontakte zwischen  Ausländern und Einheimischen verhindern wollen, anstatt diese mitsamt ihres Konfliktpotentials zuzulassen und  neben der Herausbildung einer Konfliktkultur auch die Entstehung gesellschaftlicher Toleranz zu ermöglichen.

Die TeilnehmerInnen des Podiums "'Die ham se sozusagen aus dem Busch geholt' - Alltagsrassismus und Fremdenfeindlichkeit in der DDR" thematisierten neben der Frage nach möglichen Ursachen von Alltagsrassismus und Fremdenfeindlichkeit in der DDR das eigene Erleben dieser Phänomene. Dass subjektives Erleben durchaus nicht mit Ergebnissen aus der Forschung übereinstimmen muss, zeigten dabei die Redebeiträge des Theologen Heiner Sandig. Im Landkreis Meißen, in dem er ab 1971 als Pfarrer tätig war, habe er keinen (Alltags-)Rassismus erlebt und in seinem Umfeld keine Diskussion darüber wahrgenommen. Andere Erlebnisse beschrieben Gäste aus dem Publikum: "Fidschis" habe man im eigenen Umfeld die Vietnamesen genannt, "Asche" die Schwarzafrikaner. Auch von staatlichen Restriktionen des Umgangs mit AusländerInnen wussten die BesucherInnen zu berichten. So schilderte eine Besucherin, dass die Einladung einer koreanischen Mitschülerin aus der Berufsschule zum Weihnachtsfest ihr nicht genehmigt worden sei.

Dr. Patrice Poutrus machte abschließend darauf aufmerksam, dass die Ungleichheit biografischer Erfahrungen eine Herausforderung sei, die als Lernfeld für die Komplexität der Gesellschaft dienen könne. Er plädierte auch dafür, die Divergenz zwischen geschichtswissenschaftlicher Darstellung und subjektivem Erleben zuzulassen.

Ein Beitrag im Deutschlandradio über das Podium ist nachzuhören unter dem folgenden Link: ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2017/06/02/alltagsrassismus_und_fremdenfeindlichkeit_in_der_ddr_dlf_k_20170602_0538_afa31965.mp3.