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Aktuelles

 
27. Oktober 2016

Bericht zur Jubiläumsfeier am 14. Oktober 2016

Künstler für Andere-Gründungsmitglieder Maik Scharf, Petra Grund und Alexander Rackwitz sprachen mit Moderator Stephan Schack über die Ursprünge der Gruppe in Jena und Halle/Saale.

Am 14. Oktober feierten wir gemeinsam mit Freunden, Wegbegleitern und Gästen im Café Wagner das 25jährige Bestehen des Thüringer Archivs für Zeitgeschichte "Matthias Domaschk" und das 30jährige Jubiläum des Trägervereins Künstler für Andere e. V., der bereits 1986 als oppositionelle Gruppe in Jena entstand. Neben einem Vortrag und zwei Podien, die die Entwicklung von Verein und Archiv sowie die Geschichte der alternativen Entwicklungshilfe in der DDR thematisierten, lud ein Konzert des Liedermachers Karsten Troyke zum Erinnern und Nachdenken ein.

Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter zeigte sich bewegt: Ohne die Aktivitäten von Gruppen wie Künstler für Andere, die "wach waren, kritisch waren, sich nicht abgefunden haben" sei die 'Wende' nicht möglich gewesen. Umweltministerin Anja Siegesmund betonte, dass ohne die Arbeit des ThürAZ "der Blick auf die DDR in Thüringen völlig unvollständig" wäre. Dr. Babette Winter, Staatssekretärin für Kultur und Europa, regte an, die Thüringer Aufarbeitungslandschaft mit Aufarbeitungsinitiativen aus osteuropäischen Ländern zu verknüpfen und eine gemeinsame Erinnerungskultur anzustreben. Roland Jahn, der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, wies in seinem spontanen Grußwort auf Unterschiede zwischen oppositionellen Gruppen in der DDR und Gruppen hin, die sich heute als widerständig wahrnehmen: Der Einsatz für die Einhaltung der Menschenrechte unterscheide die damaligen Akteure maßgeblich von den aktuellen.
Als Archiv, das mit der Gegenüberlieferung zu den Akten des Herrschaftsapparats neue Perspektiven auf die Geschichte der DDR ermögliche, trage das ThürAZ heute das Selbstverständnis oppositioneller Akteure und Gruppen aus der DDR auch in kommende Generationen hinein.

Christian Hermann zeigte anhand der Entwicklung der Sammlungsbestände des ThürAZ, dass sich sich ein Weg von der Aufarbeitung der eigenen Geschichte hin zur allgemeinen Dokumentation der Perspektive oppositioneller Gruppen und Akteure in der SED-Diktatur nachzeichnen lässt. Zukünftig sieht er das Archiv mit dem Balanceakt konfrontiert, den Charakter der Aufarbeitungsinitiative zu wahren und gleichzeitig die eigene Erinnerungskultur mit den Erinnerungen der nicht in Opposition zum Herrschaftssystem stehenden ehemaligen DDR-Bürger in Einklang zu bringen.

Im Folgenden sprachen Petra Grund, Alexander Rackwitz und Maik Scharf als Gründungsmitglieder von Künstler für Andere über die Ursprünge der Gruppen in Jena und Halle. Die Motivation der Akteure, so ging aus dem Gespräch hervor, setzte sich aus unterschiedlichen Elementen zusammen: Auf der einen Seite wollten sich die Mitglieder der Bevormundung durch den Staat entziehen und sich "Solidarität nicht mehr überstülpen lassen". Auf der anderen Seite hatten die Initiatoren erkannt, dass nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in der DDR Projekte, Gruppen und Einzelne der Unterstützung bedurften. Neben dem Spendensammeln war ein wichtiges Anliegen, regimekritischen, teilweise mit Auftritts- oder Berufsverbot belegten Künstlern eine öffentliche Plattform zu bieten. Mit dieser Absicht verbanden die Beteiligten das persönliche Bestreben, etwas "Greifbares" zu tun, das dem "lethargischen" gesellschaftlichen Klima in der der DDR der 1980er Jahre etwas Sinnhaftes entgegensetzen sollte.
Da Künstler für Andere öffentlich sichtbar in Erscheinung trat, geriet die Gruppe in Konflikt mit der Staatsmacht. Die Politisierung ihrer Mitglieder geriet gewissermaßen zum Selbstläufer: Repressionsmaßnahmen staatlicher Behörden führten dazu, dass die Akteure gegebene staatliche Vorgaben, Strukturen und Prozesse mehr und mehr in Frage stellten. Wie Maik Scharf formulierte, "rutschte" Künstler für Andere in die Rolle der politischen Opposition.
Die evangelische Kirche hatte in zweierlei Hinsicht eine wichtige Bedeutung für die Gruppe. Zum Einen stellte sie Räume und das institutionelle Schutzdach zur Verfügung; zum Anderen bot das Evangelium für einige der Mitglieder eine inhaltliche Legitimation für die eigene Arbeit: Den Auftrag, zu tun, "was in der Nachfolge Christi geschieht".

Das darauf folgende Podium thematisierte das Selbstverständnis und die Arbeit alternativer Entwicklungshilfegruppen in der DDR am Beispiel dreier Initiativen. Im Fokus standen der Jenaer Paketpackkreis el camino, das ebenfalls in Jena angesiedelte Nicaragua-Projekt Ambulancia sowie das überregionale Netzwerk INKOTA. Hinzu kam die Initiativgruppe Hoffnung Nicaragua Leipzig (IHNL), die der eingeladene INKOTA-Vertreter Wilhelm Volks 1981 mit gegründet hatte.
Aus den Ausführungen der eingeladenen Gruppenvertreter Jörn Mothes, Henrik Solf und Wilhelm Volks ging insbesondere hervor, dass in den Gruppen nur in geringem Maße über das eigene Solidaritätsverständnis debattiert wurde. Vielmehr stand die Motivation im Vordergrund, anhand konkreter Projekte und transparenter Spendenaktionen praktische Hilfe zu leisten. Dass das zentralamerikanische Nicaragua dabei besonders bedacht wurde, war kein Zufall: Seit 1979 befand sich das Land in einem revolutionären Umbruchprozess, in dessen Rahmen die marxistisch ausgerichtete Sandinistische Nationale Befreiungsfront die Diktatur des Somoza-Clans stürzte. Die Hoffnung, dass der damit eingeschlagene "Dritte Weg", ein reformorientierter Sozialismus, der auch Elemente einer Befreiungstheologie enthielt, ebenfalls für die DDR möglich wäre, war mit der Unterstützung der Revolutionäre eng verbunden. Auch Kritik, die sich "nach Innen", an die eigene Gesellschaft richtete, ging mit der Unterstützung einher. So wollte die Initiativgruppe Hoffnung Nicaragua Leipzig ähnlich wie andere alternative Entwicklungshilfegruppen dazu "anregen, über die Verwirklichung unseres sozialistischen Ideals in der DDR nachzudenken".

Abgerundet wurde die Jubiläumsfeier durch ein Konzert mit dem Liedermacher Karsten Troyke, der Künstler für Andere bereits in den 1980er Jahren unterstützt hatte.

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