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09. Mai 2016

Bericht zum Zeitzeugen-Podium "Solidaritätserfahrungen Homosexueller in der DDR der achtziger Jahre"

Auf dem Podium im Haus auf der Mauer: Mirko König, Maria Bühner, Gotthard Lemke, Bärbel Klässner (v. l. n. r.)

Am Donnerstag, den 26. Mai 2016 organisierte das ThürAZ im Haus auf der Mauer ein Zeitzeugen-Podium zum Thema "Solidaritätserfahrungen Homosexueller in der DDR der achtziger Jahre". Das Gespräch fand im Rahmen unserer diesjährigen Veranstaltungsreihe "'Vorwärts – und nicht vergessen': Solidarität in der DDR" statt. Anstatt Ausgrenzungserfahrungen Homosexueller zu fokussieren, welche in der bisherigen Forschungsliteratur zu dem Thema eingehend beleuchtet wurden, fragte das ThürAZ nach Formen praktischer Solidarität, die schwule Männer und lesbische Frauen in Kirche und Gesellschaft in der DDR erfuhren. Der Schwerpunkt lag auf den Jenaer Initiativen Arbeitskreis Homosexuelle Liebe (AKHL) und Redaktionsgruppe frau anders. Die Moderation der Runde übernahm die Kulturwissenschaftlerin Maria Bühner. Sie beschäftigt sich in ihrer Dissertation an der Uni Leipzig mit lesbischer Subjektwerdung in Ostdeutschland von den 1970er bis zu den 1990er Jahren.

Eingeladene Gäste waren Bärbel Klässner, Mirko König und Gotthard Lemke. Mirko König (*1964) studierte von 1981 bis 1985 Mathematik und Physik an der FSU Jena und schloss nach der 'Wende' ein Lehramtsstudium für das Fach Informatik an. Ab 1985 nahm er an Veranstaltungen des AKHL in der Jenaer Evangelischen Studentengemeinde (ESG) teil. Heute lehrt er am Carl-Zeiss-Gymnasium Jena.
Bärbel Klässner (*1960) studierte ab 1979 Sozialpsychologie in Jena. Nachdem sie sich kurz nach der Geburt ihrer zweiten Tochter ihrer Homosexualität bewusst geworden war, suchte sie Anschluss im AKHL. Innerhalb des von schwulen Männern geprägten Arbeitskreises gründete sie die 1988 die lesbische Redaktionsgruppe frau anders mit, die unter schwierigen Bedingungen im Selbstverlag die gleichnamige Samisdat-Zeitschrift frau anders herausgab. Derzeit lebt sie als freie Schriftstellerin in Essen.
Gotthard Lemke (*1952) war von 1986 bis 1989 Studentenpfarrer in Jena. Er stellte dem Arbeitskreis Homosexuelle Liebe nicht nur die Infrastrukturen der ESG zur Verfügung, sondern zeigte sich auch an einer zwischenmenschlichen und inhaltlichen Zusammenarbeit interessiert. Darüber hinaus unterstützte er die Gruppenmitglieder u. a. durch seelsorgerische Begleitung und stellte seinen privaten Telefonanschluss für einzelne Gespräche zur Verfügung. Aktuell ist Gotthard Lemke als Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde Jena tätig.

In einem einleitenden Text betonte Bärbel Klässner, dass zusätzlich zu den Freiräumen innerhalb der evangelischen Kirchen, die den politisch alternativen Gruppen und damit auch dem AKHL ein 'Schutzdach' boten, insbesondere die Offenheit einzelner Personen innerhalb der Kirche maßgeblich für die Arbeitsmöglichkeiten der Gruppen gewesen sei. Die Relevanz der kirchlichen Infrastrukturen, die neben Räumlichkeiten und der kirchlichen "Teilöffentlichkeit" auch die Möglichkeit zur gruppeninternen Sozialisation beinhaltete, verdeutlichte Bärbel Klässner, indem sie den kirchlichen Raum als "Kontaktbörse für Zweifelnde, Andersdenkende, Nicht-Konforme" charakterisierte. Zwei Formen der Solidarität sprach sie damit eingangs an: einerseits die Solidarität durch Teile der evangelischen Kirche und andererseits die Solidarität Gleichgesinnter. Letztere spiegelte sich in ihrer Beschreibung herzlicher und kooperativer Reaktionen der Mitglieder des AKHL, die sie in ihrem Anliegen unterstützten, Kontakt zu anderen lesbischen Frauen aufzubauen. Das Teilen gemeinsamer Erfahrungen, den Ausbruch aus der Isolation, das "Angenommensein" in der Gruppe und damit die Solidarität der anderen Gruppenmitglieder schilderte auch Mirko König als eine für ihn prägende Erfahrung im Arbeitskreis. Wichtig war ihm, zu betonen, dass der Begriff der Solidarität von den damaligen Akteuren nicht gebraucht wurde, da dieser zum Einen durch die SED überstrapaziert und zum Anderen durch die unabhängige polnische Gewerkschaft Solidarność symbolisch aufgeladen worden sei.

Eine weitere Form solidarischen Handelns warf Bärbel Klässner auf, indem sie über die Unterstützung durch andere Gruppen berichtete. Künstler für Andere, die in Jena ab 1986 mithilfe von Veranstaltungsreihen Spenden für unabhängige Projekte sammelten, widmeten der Redaktionsgruppe frau anders eine Veranstaltung ihrer Reihe und ließen ihr die damit gesammelten Spenden zukommen. Über die materielle Zuwendung hinaus bedeutete dies für die lesbischen Frauen auch, dass ihnen Ermutigung und Respekt entgegengebracht wurden – nicht zu vergessen die Öffentlichkeit, für die die Spendenaktion der Künstler sorgte. Neben der Hilfe durch andere DDR-Gruppen erhielt die Redaktionsgruppe auch Zuspruch von Frauen aus Westdeutschland, von denen sie mit Papier und Toner für das Kopiergerät versorgt wurden, auf dem frau anders vervielfältigt wurde. Darüber hinaus fanden feministische Bücher aus der Bundesrepublik den Weg in die DDR, darunter maßgebliche Publikationen der Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch.
Als solidarisch nahmen schließlich sowohl Bärbel Klässner als auch Mirko König die Reaktionen einiger ihrer Arbeitskolleginnen und -kollegen auf, die von ihrer Homosexualität erfahren hatten. Im Fall von Mirko König reagierte die Mentorin seines Schulpraktikums sehr positiv, indem sie ihn ermunterte, seine Identität anzunehmen und seine Familie über seine Homosexualität zu informieren. Für Bärbel Klässner stellte die ermutigende Reaktion ihrer Arbeitskolleginnen leider eine Ausnahme dar: Zahlreiche Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen fielen ihr als Gegenbeispiele ein.

Gotthard Lemke brachte in die Diskussion einen interessanten Perspektivwechsel ein, indem er von Vorstellungsrunden erzählte, in denen sich die Mitglieder des Arbeitskreises Homosexuelle Liebe der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Jena vorgestellt hätten. Für ihn habe sich dabei ein Ungleichheitsgefälle abgebildet, da die anderen Gemeindemitglieder nichts über ihre Sexualität hätten offenbaren müssen. Abschließend brachte Gotthard Lemke ein Solidaritätsverständnis zum Ausdruck, das nicht auf einseitige Unterstützung, sondern auf wechselseitige Bereicherung abhebt: Für ihn seien die Begegnungen mit den Akteurinnen und Akteuren des Arbeitskreises Homosexuelle Liebe "ein Geschenk" gewesen, an dem er selbst gewachsen sei.

Katharina Kempken