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27. Mai 2016

Bericht zum Filmgespräch "Coming out" am 11. Mai 2016

Dramaturgin Erika Richter im Gespräch, Foto: ThürAZ

Homosexualität war in der DDR ein Tabuthema, dass sich im Verborgenen abspielte und nicht in die Vorstellung der SED von Gesellschaft und Familie passte. Um diese besondere Stellung der Homosexuellen zu beleuchten, führte das ThürAZ Heiner Carows Film ‚Coming Out` vor und lud zur anschließenden Diskussion mit Erika Richter, der damaligen Dramaturgin.

Bis weit in die Achtzigerjahre war Homosexualität stigmatisiert und mit Vorurteilen behaftet, so dass auch Heiner Carows Filmprojekt einen langen Entstehungsprozess hatte. Bereits Anfang der Achtziger plante er die Realisierung dieses Films und stieß sogleich auf Widerstände. Hierbei war sein ärgster Gegner der Generaldirektor der DEFA Hans-Dieter Mäde. Laut Erika Richter schwor er, dass dieser Film unter ihm niemals produziert werden würde. Dem damaligen Generaldirektor war es schlicht unangenehm. Auch bei einem anderen Film von Heiner Carow zeigte er Widerwillen gegen einen Mann, der ein Kleid trug und schlug vor, stattdessen ein richtiges Mädchen zu nehmen. Das lässt vermuten, dass ihm die Darstellung der Homosexuellen in ‚Coming Out` ebenfalls peinlich gewesen wäre.

Ende der Achtzigerjahre wurde Homosexualität in den Zeitschriften, aber auch in Sendereihen im Rundfunk und Fernsehen der DDR thematisiert und etwas aus dem Verborgenen der Gesellschaft hervorgeholt. Nichtsdestotrotz blieb sie für die Filmindustrie noch immer ein sensibles Thema. Die Gegenwehr gegenüber ‚Coming Out’ endete mit dem krankheitsbedingten Ausscheiden Mädes aus der DEFA. Er wurde abgelöst durch Gert Golde, der ein Freund von Carows Filmen war. Die Produktion verlief dann, auf Grund der bereits vorherrschenden Endzeitstimmung, ohne weitere Vorkommnisse. Frau Richter schwärmt noch heute von diesem menschlichen Film, „der ganz ernsthaft mit der Liebe“ umgeht.

Doch was genau geschieht in diesem Film? Zu Beginn sieht man einen der beiden Darsteller im Krankenhaus, wie ihm der Magen ausgepumpt wird. Er hatte versucht sich das Leben zu nehmen, weil er schwul war und er fühlte, dass er nicht in die Gesellschaft der DDR hineinpasste. Eine klare Anklage an die Gesellschaft, die Menschen, die anders waren, das Gefühl gab, krank zu sein, unnatürlich und sie auch zu solchen Taten trieb. Außerdem auffällig war die Entwicklung der Rolle Philipp Klarmann, dessen Coming Out im Konflikt stand zu seinen angenommenen Norm- und Wertvorstellungen und seinem Lebensentwurf. Indem der junge Lehrer eine Beziehung mit einer Kollegin einging, wollte er den gesellschaftlichen Vorstellungen entsprechen und Teil einer Familie sein, Kinder bekommen und verleugnete dabei seine eigene sexuelle Identität. Innerhalb des Filmes wird deutlich, was ihm das Eingeständnis seiner Homosexualität unter anderem schwermachte: Die Räume, in denen sich Homosexuelle bewegten, bestanden meist aus sogenannten ‚Klappen‘ (öffentlichen Toiletten) und Parks, wo sie sich heimlich und fernab der Öffentlichkeit trafen. Die Begegnungen blieben oftmals geheim und im Dunkeln. Selbst die Treffen in der bunten Ostberliner Schwulenkneipen-Szene verliefen häufig anonym. Trotz dieser tiefen Einblicke in die gesellschaftliche Stellung von Homosexuellen wurde das Agieren der Stasi und die Selbstorganisation homosexueller Männer und Frauen in Kirchenkreisen nicht aufgegriffen, weil es für diesen Film nicht relevant war. Der Film zeigt die Irrungen eines jungen Mannes bis zu seinem Coming Out und eine damit zusammenhängende Liebesgeschichte.

Darüber hinaus greift Heiner Carow in seinem Film auch das Thema der Gewalt auf und zeigt in zwei Szenen, wie Menschen auf Grund ihres Äußeren und auch ihrer sexuellen Orientierung in Bedrängnis geraten. Die Mitwirkenden des Filmes wussten, dass es solche Übergriffe tatsächlich gab und sie zu Recht in diesem Film gezeigt wurden. Eine Facette, die oft im Verborgenen lag und den Menschen im Alltag kaum begegnete oder sie interessierte.

Heiner Carow schafft es, in ‚Coming Out‘ eine Vielzahl von Themen aufzugreifen und dem Publikum die besondere Stellung der Homosexuellen in der DDR-Gesellschaft der Achtzigerjahre zu zeigen. Vor allem unterstützt wird er hierbei von dem besonderen Talent seiner Darsteller, die für den Zuschauer keinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit ihrer Situation und Liebe aufkommen lassen. Sie wurden auch lange nach der Produktion noch auf ihre Rollen angesprochen und gefragt, ob sie auch in ihrem Privatleben homosexuell seien, aber haben dies nie vollumfänglich aufgeklärt. Für Frau Richter ist dies nicht weiter relevant, denn sie ist sicher, dass Schauspieler solche Gefühle authentisch und glaubhaft vermitteln könnten. Zumal der Film zuallererst ein Liebesfilm sei, der während seiner Vorführung von allen Menschen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, auch so wahrgenommen wurde. Er spreche die Menschen an, die sich nach Liebe sehnen – und das tun, so Erika Richter, letztlich alle Menschen.

Fazit dieses Abends ist, dass Heiner Carow mit dem Film ein Thema aufarbeitet, dass bis zu diesem Zeitpunkt noch nie Schwerpunkt eines DDR-Spielfilms war. Er zeigte sieben Jahre lange einen ungebrochenen Willen, diesen Film zu produzieren, allen Widrigkeiten zum Trotz. Obwohl Homosexualität nur wenig in der DDR-Gesellschaft diskutiert wurde, lag ihm dieses Thema am Herzen. Er präsentierte es einem breiten Publikum und kritisierte hierbei offen den gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität und die Vorurteile der heterosexuellen Bevölkerung. Er zeigt auf diese Weise Solidarität mit einer Minderheit der damaligen DDR-Gesellschaft – ohne dass im Gespräch mit Erika Richter geklärt werden konnte, ob er dies ebenso empfand.

Insgesamt ein sehenswerter Film, der dem Zuschauer emotionale und gesellschaftliche Auseinandersetzungen von homosexuellen Männern zu DDR-Zeiten offenbart.

Natalie Kämmerer-Haupt